Kunst in Hongkong
"Zu wenig exotisch, zu wenig chinesisch"

Hongkongs Künstler stehen zu Unrecht im Schatten ihrer festlandchinesischen Kollegen. Jetzt erschien ein Buch über die junge Generation. Sie zeichnet und arbeitet mit Computer und Videokamera. Für großformatige Malerei und Skulptur fehlt ihr der Platz.
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DüsseldorfBislang haben sich die Künstler Hongkongs noch schwer damit getan, aus dem Schatten ihrer festlandchinesischen Kollegen herauszutreten. Doch nun bekommen sie ihre Chance, während Hongkong sich als internationaler Messe- und Galerienstandort fit macht. Auf internationale Sammler und Kunstliebhaber zielt die druckfrische Publikation, die Cordelia und Christoph Noe im Verlag für moderne Kunst Nürnberg über 20 aufstrebende junge Künstler herausgegeben haben.

Es ist nicht der erste Band, den das Paar herausgebracht hat, seit sie 2006 in Peking ihr Kleinunternehmen „The Ministry of Art“ gründeten. Seither vermitteln sie die Werke junger asiatischer Künstler gezielt in europäische Museen und private Sammlungen, organisieren für sie Ausstellungen im Westen und machen sie mit Publikationen bekannt. Bereits 2008 erschien im Prestel-Verlag ihr dickes Buch über 30 junge chinesische Künstler (Siehe Handelsblatt vom 12.9.2008).

Links liegen gelassen

Für die Hongkonger Künstler, die zwischen Ende der siebziger und Mitte der achtziger Jahre geboren wurden, kommt der 224 Seiten starke und reich bebilderte Band gerade zur rechten Zeit. Denn die ansässige Künstlerschaft muss den Anschluss an den internationalen Handel noch finden, der Hongkong im Sturmschritt für seine Zwecke urbar macht. „Galeristen wie Larry Gagosian haben sich nicht wegen der lokalen Künstler dort angesiedelt“, erklärt Noe. „Wenn, dann binden sie chinesische Künstler in ihr Programm ein“.

Die Gründe für die Vernachlässigung sind erstaunlich. „Zu wenig exotisch, zu wenig chinesisch“, erläutert Noe. Deshalb würden sie von Kuratoren links liegen gelassen. Das spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Künstler, die im neuen Museum „M+“ vertreten ist. Nur ein kleiner Teil kommt aus dem Stadtstaat Hongkong, der immerhin eine Fläche so groß wie Österreich bedeckt. Der überwiegende Teil ist chinesischer Herkunft.

Arbeiten ohne Atelier

Das Schaffen der in Hongkong lebenden Künstler unterscheidet sich deutlich von ihren chinesischen Zeitgenossen. Es wird viel weniger gemalt und sehr viel mehr mit Räumen gearbeitet. Das steht nur scheinbar im Widerspruch zur Enge der Wohnverhältnisse. Viele von ihnen haben kein eigenes Atelier. Deshalb arbeiten Hongkonger Künstler sehr häufig gezielt für den Ort, an dem sie ausstellen.

Tsang Kin-Wah etwa komponiert seine Malerei aus Wörtern und Sätzen. Wenn sie sich über Wände, Decken und Fußböden ausdehnen, können sie dem Betrachter schon einmal die Orientierung rauben. Von weitem wirken seine „Wallpapers“ wie raumgreifende Ornamente. Doch bei näherem Hinsehen lassen sich hintersinnige Kommentare auf den Materialismus des modernen Lebens entziffern, formuliert in einer Mischung aus Canton-Chinesisch und Englisch.

Blick über den Tellerrand

Andere Künstler konzentrieren sich auf Fotografie, Videokunst und kleinformatige Zeichnungen. Chihoi, der als Künstler Autodidakt ist, verknüpft in seinen Zeichnungen die Erfahrungen als Illustrator mit der Bildsprache der Landschaftsmalerei. Joey Leung Ka-Yin arbeitet mit Tusche und Farbstiften auf Bildgründen, die chinesischen Rollbildern ähnlich sehen.

Das Buch widmet jedem Künstler einen Text und eine Fülle von Werkabbildungen auf bis zu zehn Seiten. Schade ist nur, dass die Bildunterschriften so winzig geraten sind. Einer der vier einführenden Aufsätze befasst sich mit den Auswirkungen der kolonialen Vergangenheit auf das Kunstschaffen in der Stadt. Ein anderer untersucht die Geschichte Hongkongs als Handels- und Finanzplatz. Damit ist es Cordelia und Christoph Noe einmal wieder gelungen, über den Tellerrand weit hinaus zu blicken. Einziges Manko: Der deutsche Verlag verzichtete auf eine Übersetzung ins Deutsche.

Cordelia und Christoph Noe: Hong Kong Artists. 20 Portraits. Mit Texten von Connie Lam, Anthony Yung, Pauline J. Yao, Philip Tinari, Kito Nedo, Cordelia und Christoph Noe, Verlag für moderne Kunst Nürnberg 2012, 224 Seiten, Flexcover, 35 Euro.

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