„Lady Macbeth von Mzensk“
Fremdschämen im Sagrotannebel

Zurück im Theater-Alltag: Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ ist Sozialdrama, Groteske und Musik-Porno. Doch bei der Neuinszenierung der Salzburger Festspiele vermittelt sich die Drastik nur ansatzweise.
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Salzburg Wohl nirgends in der Opernliteratur findet sich solch eine schamlos auskomponierte Sexszene wie in Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“. Wenn sich die sexuell und emotional ausgehungerte Kaufmanns-Gattin Katerina Ismailowa und ihr etwas derbes Abenteuer in Gestalt des Arbeiters Sergej an die Wäsche gehen, explodiert das Orchester geradezu. Nach dem Höhepunkt gibt es ein drolliges, abwärts gerichtetes Bläser-Glissando, einen Moment der Erschlaffung, der meist so verstanden wird, wie er gemeint ist. Ein paar Lacher aus dem Publikum gab es dazu auch am Mittwochabend, als das Stück als zweite Opern-Neuinszenierung der diesjährigen Salzburger Festspiele Premiere im Großen Festspielhaus hatte.

Was sich zu diesem Musik-Porno auf der Bühne ereignete, muss leider als Totalausfall gewertet werden. Die große schwedische Sopranistin Nina Stemme blieb zwischen den Lenden Sergejs leidenschaftslos und kühl bis zur Frigidität. Statt Ekstase war Fremdschämen angesagt. Auch wenn sich Stemme nach der Pause, wenn sie als zweifache Mörderin zusammen mit Sergej ins Straflager muss, darstellerisch ein wenig berappelt - bis zuletzt gelingt es ihr nicht, die extreme Gestalt der Katerina zwischen Sehnsucht nach Nähe und mörderischen Rachegelüsten glaubwürdig zu verkörpern. Als russisches Abbild von William Shakespeares „Lady“ eine Fehlbesetzung.

Es mag freilich auch am (über-)ambitionierten Regiekonzept von Andreas Kriegenburg gelegen haben, dass Stemme so wenig überzeugte. Kriegenburg wollte eine Frau zeigen, die sozusagen zwischen allen Stühlen sitzt und unter emotionalen Autisten ihr Leben fristen muss: ihrem drögen, zuweilen brutalen Ehemann Sinowi (auch stimmlich dröge: Maxim Paster), dem übergriffigen Schwiegervater und ihrem Geliebten Sergej, der schon bei der Hochzeit mit einer anderen anbandelt. Selbst im Straflager ist „die Kaufmannsfrau“ eine Außenseiterin. Doch Stemme gelingt es nicht, das Konzept mit Bedeutung aufzuladen. Auch die Verzweiflung, die sie dazu bringt, zuerst ihren Schwiegervater und dann ihren Gatten zu meucheln, vermittelt sich nicht.

Eine Wucht indes ist das Bühnenbild von Harald B. Thor: ein Bühnenturm hoher, heruntergekommener Sichtbeton-Wohnblocks aus postsowjetischer Zeit mit Einschusslöchern, vielleicht irgendwo in Putins „Neu-Russland“ im ukrainischen Donbas. Von links und rechts ragen bewegliche Bühnenelemente mit Katerinas Schlafgemach samt Nasszelle und orthodoxem Hergottswinkel respektive das Kaufmannskontor herein. Das Haus ist bevölkert von einer ausgemusterten Soldateska, die ihren Frust, nicht mehr Krieg spielen zu dürfen, an den Frauen abreagiert.

Running Gag der Inszenierung - das Stück hat ja auch einen satirischen Unterton - ist eine Sagrotan-Sprühdose, aus der sich Katerinas Schwiegervater Boris (wenig bedrohlich: Dmitry Ulyanow) bedient, wenn er wieder mal nicht seine Schwiegertochter befingerte oder deren unstandesgemäßen Geliebten fast zu Tode prügelte. Nachdem sich Katerina mittels einer vergifteten Pilzsuppe des lästigen Verwandten entledigt hat, greift sie selbst zum chemischen Schuld-Tilger, später wird sie dann von Wiedergängern ihres Opfers, die ihr im Traum mit horrormäßig beleuchteten Pilzsuppentellern gegenübertreten, in einen Sagrotannebel gehüllt.

Am stärksten ist noch der Schluss, wenn die prächtigen Klänge aus dem Orchestergraben alle Schrecknisse und Sehnsüchte der Welt durchmessen, und Katerina als letzten Ausweg aus ihrer Misere den Freitod sucht. Ihre Nebenbuhlerin, die von Sergej in Anspruch genommene Lagerhure Sonetka, nimmt sie mit in den Tod. Dass sie beide ihr Grab nicht im nahen Fluss finden, wie es das Libretto vorsieht, sondern erhängt über einer Brüstung baumeln, gibt Anlass zu Verwirrung. Wie kann Katerina erst Sonetka und dann sich selbst erhängen?

Musikalisch gebührte an diesem Abend Mariss Jansons die Krone. Der lettische Stardirigent und Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks gab sein Debüt als Operndirigent bei den Salzburger Festspielen und überzeugte restlos durch einen ebenso transparenten wie markigen Schosta-Sound. Zumindest stimmlich fand auch Stemme nach leichten Anlaufproblemen zu großer Form. Daneben überzeugte Brandon Jovanovich als Sergej, auch darstellerisch. Stürmischer Jubel für Jansons und die Wiener Philharmoniker nebst der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor und für Nina Stemme. Als sich das Regieteam zeigte, ebbte der Applaus ein wenig ab, vereinzelte Buhrufe.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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