Leipziger Buchmesse
Die digitale Revolution frisst ihre Eltern

Gegensätzliche Interessen zwischen Buchverlagen und Google prägen die heute beginnende Leipziger Buchmesse. Der US-Internetkonzern stellt immer mehr Texte kostenlos ins Netz - und die Verlage fühlen sich bedroht.

DÜSSELDORF/MÜNCHEN. Die klassizistische Fassade der Bayerischen Staatsbibliothek in der prächtigen Münchener Ludwigsstraße täuscht. Denn hinter den Mauern der berühmten Wissensburg laufen die Vorbereitungen für die Digitalisierung von mehr als einer Million Büchern auf Hochtouren. Die weltgrößte Suchmaschine Google will sie erfassen und ins Internet stellen. Statt angestaubter Bücherberge wird es hier bald riesige eingescannte Datenmengen geben.

Noch werden in Deutschland nur alte, urheberrechtsfreie Werke eingescannt. Doch in der Buchbranche geht bereits die Angst um, dass der Internetkonzern sich damit nicht zufrieden gibt. "Es besteht die Gefahr, dass Google seine Macht ausnützt und das Urheberrecht immer weiter aushöhlt", sagt der für digitale Medien zuständige Geschäftsführer des deutschen Großverlags Cornelsen, Martin Hüppe. Die deutsche Verlagsbranche, die aus kleinen und mittelständischen Unternehmen besteht, habe Google kaum etwas entgegenzusetzen. "Wir werden ein Stück weit enteignet", sagt der Buchmanager. Auch Marktführer Random House, Tochter des Bertelsmann-Konzerns, warnt: "Dass Google sich über bestehende Urheberrechtsregeln hinwegsetzt, ist nicht in Ordnung", kritisiert Frank Sambeth, Mitglied der Geschäftsführung von Random House.

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Google bemüht sich bislang nicht sonderlich, die Ängste zu zerstreuen. Der Konzern aus dem kalifornischen Mountain View lässt in mehreren US-Bibliotheken auch aktuelle Bücher, die urheberrechtlich geschützt sind, durch die Scanner laufen und stellt sie mit kurzen Ausschnitten ins Netz. Google beruft sich dabei auf eine Ausnahme im US-Recht. Danach können die Verlage die Bücher zwar im Nachhinein aus der Online-Bibliothek wieder entfernen lassen - für Unmut sorgt die Praxis aber trotzdem. "Es ist nicht in Ordnung, wie Google mit uns umgeht. Sie müssten uns vorher fragen", sagt Cornelsen-Geschäftsführer Hüppe.

Googles Pläne sind ambitioniert. 15 Millionen Bücher sollen bis zum Jahr 2015 gratis ins Netz gestellt werden. Das Motiv liegt auf der Hand: Die Online-Bücher sollen noch mehr Kunden auf die Seiten der Suchmaschine locken und so für höhere Werbeeinnahmen sorgen. Auch der weltgrößte Software-Konzern Microsoft digitalisiert weltweit Bücher, nimmt aber für sich in Anspruch, die Rechte der Verlage und Autoren strikt zu wahren. Das Wettrennen der Giganten läuft auf Hochtouren.

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