Leipziger Buchpreis
Rekordflüge und Morde nach Quoten

Opfer des Terrors konnte jeder werden, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Karl Schlögels Werk über Moskau im Jahr 1937 versucht eine Gesamtschau von Stalin’schem Terror und Modernisierung. Der Historiker wird zum Auftakt der Leipziger Buchmesse den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2009 erhalten.

BERLIN. Schlögels „Terror und Traum“ behandelt das Jahr, in dem sich die geschichtliche Katastrophe Russlands bündelt. Es geht um Verbrechen, denen zwar historische Aufarbeitung, aber nicht „die Aufmerksamkeit und Anteilnahme zuteil wurde“, die ihnen gebührt, wie Schlögel schreibt. Für den, der sich durch die oft quälenden Passagen dieses Buches über das Moskau von 1937 kämpft, dürfte das nicht mehr gelten.

Vieles vergisst man nicht mehr. Auch wenn Schauprozesse und Massenerschießungen mehr als 70 Jahre zurückliegen: Die Zeit heilt nicht alle Wunden, weil man bis heute nicht verstehen kann, warum und wie all dies geschehen konnte.

Schlögel dokumentiert etwa den Befehl des Chefs der Geheimpolizei Jeshow, der für 65 Republiken und Regionen sowie die Lager des NKWD genaue „Kontingente, die der Repression unterliegen“, sowie „Kategorien“ festlegt: Erschießung oder Haft. In den alten Zentren der Revolution, Moskau und Leningrad, mussten danach alleine 9 000 Menschen erschossen werden. Es ging nicht einmal mehr darum, gezielt Gegner des Regimes brutal zu unterdrücken: Die regionalen Befehlshaber des Terrorapparates hatten nur die vorgegebenen Quoten zu erfüllen. Opfer konnte jeder werden, der „zur falschen Zeit am falschen Ort war“, schreibt Schlögel.

Sieht man hier eine ziellos gewordene Tötungsmaschine am Werk, lassen die Schauprozesse und innerparteilichen Säuberungen eine zwar schwer nachvollziehbare, aber rudimentär vorhandene Logik der Machtsicherung erkennen. Stalins Abschlussrede vor dem Plenum des ZK vom März 1937 wird zitiert. Er spricht von einer neuen Partei, die geschaffen werden müsse durch eine „Massenbewegung von unten“ einerseits und der „Ausrottung“ und „Zerschlagung“ der alten Parteielite andererseits. Hier zeigt sich eine Technik des Machterhalts durch das Zerstören aller Strukturen – genau das also, was den potenziellen innerparteilichen Konkurrenten als todeswürdiges Verbrechen angedichtet wurde: Zersetzungsarbeit.

Die Menschenverachtung Stalins haben schon andere beschrieben. Schlögels Buch beeindruckt durch die Widersprüche, die er immer wieder deutlich macht: Auf dem Höhepunkt der Repression 1937 sucht die Sowjetunion enge Kontakte zum Ausland, bemüht sich darum, internationale Kongresse auszurichten, und sendet Freundschaftsflüge in die USA. Führende Parteikader zeigen echte Begeisterung für amerikanische Architektur und Städtebau, für fordistische Produktionsmethoden. Mitten im Blutrausch scheint die Sowjetunion offener für westliche Einflüsse gewesen zu sein als später zur Zeit des Kalten Krieges.

Schlögel sagt programmatisch zu seinem Ansatz, es bedürfe keines Systems, keiner Logik, um das Nebeneinander von Terror und Modernisierung zu erklären. Die Vergegenwärtigung des Spiels der Kräfte vor Ort, das in Wahrheit „ein Kampf auf Leben und Tod ist“, genüge. Allerdings fragt sich, wer der tödliche Gegner war, sieht man von der Kriegsgefahr durch Nazi-Deutschland ab. „Vor Ort“ jedenfalls zeigt sich kein ernsthafter Gegner der Bolschewiken.

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