LESENSWERT
Buchtipp: Terror, Treuhand und Tragödien

Wolfgang Schorlau war Unternehmer und erfüllte sich einen Traum: das Roman-Schreiben. In seinem gelungenen Debüt fragt der ehemalige IT-Experte, ob die Wiedervereinigung nicht hätte anders laufen können. Ein spannender Politthriller, der nicht jedem Leser gefallen wird.

Henning Mankell brauchte Jahre, bis er seinen Kommissar Kurt Wallander an die politisch explosiven Fälle heranließ. Nicht so Newcomer Wolfgang Schorlau. Sein Privatdetektiv Georg Dengler darf gleich im ersten Roman mit Hyänen kämpfen.

Der in Stuttgart lebende Autor ist in seinem Krimidebüt drei ungeklärten Ereignissen der deutschen Vergangenheit auf der Spur: dem Mord an Treuhandchef Karsten Detlef Rohwedder im April 1991, dem Flugzeugabsturz der Lauda-Air in Thailand sechs Wochen später und dem Tod des Terroristen Wolfgang Grams in Bad Kleinen im Jahr 1993.

Seine Hauptfigur Georg Dengler, Marke einsamer Wolf, scheitert als BKA-Beamter, weil er den Mord an Rohwedder nicht aufklären konnte. War es wirklich die RAF? In Stuttgart wagt er als Privatdetektiv einen Neuanfang. Wolfgang Schorlau hat mit Dengler eine echte Konkurrenz für Wallander & Co. geschaffen. Dengler ist ein harter Typ mit weichem Kern. Er liebt gutes Essen und ist wie sein Autor abgöttischer Bluesliebhaber. Die Figur verschwindet ein wenig hinter vielen Beschreibungen, und der Leser fragt sich: Wie sieht er eigentlich aus? Ganz gut wahrscheinlich, denn er hat einigen Erfolg bei schönen Frauen.

Mit seinem Romandebüt erfüllt sich der Computerfachmann Schorlau einen Wunsch. Andere Männer mögen von der Harley Davidson träumen oder von der eigenen Yacht. Schorlaus Traum heißt: Romane schreiben.

Über die eigene Biografie redet der 51-Jährige mit der großen Hornbrille jedoch denkbar ungern. Mit 12 kam er aus dem Hunsrück nach Freiburg, machte ein kaufmännische Lehre und wurde bei Nixdorf zum Programmierer ausgebildet. Später hatte er eine leitende Stellung bei einer Computerfirma. Am Ende stand das eigene Softwarehaus in Ludwigsburg „mit allen Höhen und Tiefen des mittelständischen Unternehmers“.

Eine lange Nacht änderte Wolfgang Schorlaus Leben. Er traf sich mit einem Bekannten, einem katholischen Publizisten. Die beiden tranken viel Wein. Der Freund erzählte nie gehörte Dinge.

Von der Treuhand und von DDR-Betrieben, die man in Produktivgenossenschaften hätte umwandeln können. Und von einem befreundeten Professor, der sich für diese Pläne einsetzte und unerwartet bei dem Absturz der Lauda-Air umkommt. Der Name Rohwedder fällt. Hatte er jene Vorstellungen unterstützt: DDR-Betriebe in der Hand von Arbeitern? „Die Wiedervereinigung hätte anders verlaufen können“, sagt Schorlau nachdenklich.

„Die blaue Liste“ wird nicht jedem schmecken. Treuhand, Politik und Wirtschaft kommen denkbar schlecht weg. Das große Kapital habe kein Interesse daran gehabt, den Ausverkauf des Ostens zu verhindern. Alles Fiktion? Schorlau zieht sich elegant auf seine Rolle als Autor zurück: „Mich interessiert das Thema als Geschichtenerzähler. Kein Land ist so wie die DDR in kurzer Zeit völlig umgekrempelt worden. Ein einmaliger Umbruch.“

Was Schorlaus Konstruktion lesenswert macht, ist die saubere Recherche, deren verschiedene Wege der Interessierte im Internet unter www.schorlau.com und im Nachwort verfolgen kann.

Aus Denglers erstem Fall wird erst einmal ein Film. Schorlau schreibt schon kräftig am Drehbuch. Der zwei Dengler-Coup ist auch schon in Arbeit. Der Schluss der ersten Episode ist brutal und katapultiert die Geschichte völlig ins Reich der Fiktion.

Gleich drei Killer muss der badische Privatdetektiv ziemlich unsanft ins Jenseits befördern – ein dramatisches Finale, bei dem ein paar Banker eine ziemlich unrühmliche Rolle spielen. Man kann sich da nur wünschen, dass Schorlau künftig bei seiner Hausbank dennoch gut bedient wird.

Quelle: Handelsblatt

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