Literatur
Die Vertikale der Macht

Gut ein Jahr haust nun der neue Zarewitsch im Kreml. Doch noch immer wird Dmitrij Medwedjew nicht als russischer Präsident wahrgenommen. Alle Welt schaut weiterhin auf die handelnden Hände seines Vorgängers Wladimir Putin, der vor zehn Jahren ins Amt kam. Auf welchem Weg das Riesenreich weiter wandelt, ist den Autoren gerade erschienener Russland-Bücher aus Ost und West noch immer unklar.
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BERLIN. Um gleich mit dem Ende der „Russischen Apokalypse“ von Viktor Jerofejew zu beginnen: Der 61-jährige Sohn des nur knapp der Verbannung in einen Gulag entkommenen Dolmetschers von Josef Stalin, immer noch Enfant terrible, wagt mit einer Mischung aus hilflosem Hass und lodernder Liebe zu Russland auch keine Zukunftsvision für seine Heimat. Auf die Frage, ob er Russland abschreibe, lässt er den Ich-Erzähler ausweichend antworten: „Gehen wir lieber Wodka trinken.“

Dabei ist die Suche nach Russlands Realitäten, die leider immer mal wieder in banale und voyeuristische Geschmacklosigkeiten abgleitet, ansonsten sehr tiefgehend. Filigran ziseliert Jerofejew die widersinnigen Widrigkeiten des Landes. Etwa mit der Feststellung: „Wenn du dein Geld in Russland hortest, bist du verrückt, wenn du es ins Ausland geschafft hast, dann bist du ein Feind Russlands.“ Allein: Die Dimensionen russischer Widersprüche werden durch Lesen ebenso wenig begreiflich, wie wenn man die Landkarte mit dem Finger von Kaliningrad nach Kamtschatka abfährt. Aber die „Russische Apokalypse“ ist die ideale geistige Wegzehrung zum Verstehen des Blicks aus dem Fenster, wenn man in der Transsib reist.

Jerofejew attestiert seinem Land, die „fröhliche Hölle“ zu sein. Das Ideenvakuum und der Ruin moralischer Werte bahnten der Bevölkerung den Weg ins Privatleben, was der Moskauer Starautor überhaupt nicht zynisch als Russlands Rettung herausstellt. Eine Rettung offenbar aus höchster Not. Unter Putin habe „ein Staatsstreich stattgefunden. Was heißt hier: wann? Das genaue Datum zu nennen ist unmöglich, denn es gab ja keins. Es war einfach so, dass irgendwie Wind aufkam, der Himmel sich zuzog und Regen einsetzte. Da haben Sie den ganzen Staatsstreich. Eine Naturkatastrophe. Normal für das Klima in unseren Breiten. Es schüttet wie aus Eimern, aber Sie laufen immer noch ohne Schirm herum, weil man Ihnen sagt, dass die Sonne scheint.“

Jerofejew schwankt aber in seiner Analyse, warum Putin so einfach das von Gorbatschow und Jelzin mit Freiheit und Pluralismus gepflügte Feld mit seinen Pflanzen der Autokratie bestellen konnte: Einerseits bestehe die russische Apokalypse aus dem Zwang, dass die Bevölkerung den Staat lieben und ewig „Hurra!“ schreien müsse. Später erklärt er das Hingezogensein zu Putin aber damit, dass dieser die Leere verkörpere, „in die beinahe jeder von uns seine Gefühle hineinprojizieren konnte“.

Ganz anders erklärt Lena Kornyeyeva dieses Phänomen in ihrem Buch „Putins Reich“. Sie geht von einem „Neostalinismus auf Verlangen des Volkes“ im Putin-Staat aus, so der Untertitel. Die aus der Ukraine stammende und an der Bremer Jacobs University forschende Sozialpsychologin sieht die Russen wie Kinder, die sich nach Liebe und Hieben der Eltern sehnten. „Machtanbetung“ nennt Kornyeyeva diese „rein russische Fähigkeit zu vergeben, diese Bereitschaft, das Verhalten der unbarmherzigen Staatsmacht zu rechtfertigen“. Folgerichtig nennt sie Putin einen Diktator, aber das Volk sei mittels moderner Polit-Technologien in seinem Selbstempfinden so manipuliert, dass es händeringend „jemanden sucht, der ihm das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit vermittelt“.

Was sich phasenweise nach typischer russischer Verschwörungstheorie anhört, dient aber einem erweiterten Herangehen an die Erforschung der Hintergründe der russischen Realität. Auch die These, dass die Verknappung der Güter in der Sowjetunion nicht – wie im Westen bis heute so gesehen – das ökonomische Scheitern des Kommunismus belege, sondern „künstlich und vorsätzlich erzeugt worden“ sei zur bewussten Schaffung eines Defizits menschlicher Werte, regt zum Nachdenken an. Aber die Autorin verengt ihre Suche zu sehr auf psychologische Faktoren – und Arroganz. Für „Nicht-Slawen“ sei das alles ohnehin „unbegreiflich“. Warum lässt sie das Buch dann ins Deutsche übersetzen und mit einem ärgerlichen Nachwort der DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld versehen, das rein gar nichts mit der Lage im heutigen Russland zu tun hat? Auch warum die politischen und sozialen Entwicklungen in anderen slawischen Ländern etwas (Ukraine) oder ganz anders (Polen) verlaufen sind, erklärt es nicht.

Diesen Fehler begehen Ulrich Heyden und Ute Weinmann in ihrem Buch „Opposition gegen das System Putin. Herrschaft und Widerstand im modernen Russland“ nicht. Dafür graben sie mit ihren teilweise oberflächlichen und streckenweise hilflosen Beschreibungen auch nicht so tief. Dem Buch, das mit wiederkehrenden Querverweisen auf andere Kapitel und stetigem „Fazit“ zum Kapitelende langweilt, gebührt immerhin das Verdienst, die heutige Opposition in Russland breiter und lebendiger darzustellen, als dies im Westen ansonsten üblich ist mit der Verengung auf Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow. Leider reicht das Buch von Systematik und Sprache her aber nicht ansatzweise an Jeroferews „Apokalypse“ heran, wo Putins beschworene Vertikale der Macht „in den Himmel ragt wie eine Stripteasestange frühmorgens in einer leeren Bar“.

VIKTOR JEROFEJEW:
Russische Apokalypse
Berlin Verlag, Berlin 2009, 256 Seiten, 22 Euro

LENA KORNYEYEVA:
Putins Reich
Aschenbeck, Bremen 2009, 184 Seiten, 19,80 Euro

U. HEYDEN, U. WEINMANN:
Opposition gegen das System Putin
Rotpunktverlag, Zürich 2009, 328 Seiten, 21,50 Euro

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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