Literatur
Patriotisch und polemisch

Vor 125 Jahren wurde John Maynard Keynes geboren. Der Weltökonom hat Geschichte geschrieben und wurde oft falsch interpretiert. Nur die wenigsten haben aber sein Hauptwerk auch gelesen. Eine Neuerscheinung läutet jetzt die Renaissance des britischen Theoretikers ein.

Ob John Maynard Keynes nun der bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts war, ist umstritten. Zumindest die Anhänger Friedrich August von Hayeks und Milton Friedmans dürften heftig widersprechen. Sicher ist jedoch, dass er für fast ein halbes Jahrhundert als einflussreichster Vertreter seiner Zunft galt. Seine antizyklische Konjunkturpolitik war seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre bis in die frühen 1980er-Jahre für viele Regierungen Handlungsmaxime ihrer Wirtschaftspolitik.



2008 ist er wieder aktuell: Angesichts der von den liberalisierten Finanzmärkten ausgehenden Gefahren für die Weltwirtschaft und der Angst vor dem Abgleiten in eine tiefe Rezession erlebt der seitdem verschmähte Wissenschaftler im Jahr seines 125. Geburtstages eine Renaissance.



Wer sich die Mühe macht, Keynes' Hauptwerk, die "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes", zu lesen, stellt schnell fest, dass es sich um ein auch für Experten nur schwer verständliches Werk handelt, das nur wenig mit dem Lehrbuch-Keynesianismus von heute zu tun hat. Dieses Urteil trifft selbst dann noch zu, wenn man die jüngst von Jürgen Kromphardt und Stephanie Schneider überarbeitete Fassung der deutschen Übersetzung von 1936 liest. Daher ist es ein Glücksfall für die Volkswirtschaftslehre, dass nun erstmals auch auf Deutsch 19 Radiovorträge publiziert worden sind, die Keynes zwischen 1927 und 1945 am Mikrofon der BBC hielt. Sie bieten einen verständlichen Einstieg in sein Denken.



Keynes war bereits weltberühmt, als er die Vorträge hielt. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte er sich in seinem Buch "Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages" strikt gegen die Reparationsregelungen des Vertrags von Versailles ausgesprochen, die sich aus seiner Sicht nur an der Zahlungsfähigkeit Deutschlands orientieren durften, nicht aber am finanziellen Wunschdenken der Sieger. Gleichzeitig trat er für eine großzügige Regelung der interalliierten Kriegsschulden ein. Keynes stieß mit seinen Warnungen vor einem Kollaps des internationalen Reparations- und Schuldenregimes jedoch auf taube Ohren - obwohl er mit seiner Skepsis recht behalten sollte.



Gerhard Willke weist in seiner gelungenen Einleitung des Buchs zu Recht darauf hin, dass es wohl sein politischer Instinkt sei, "der ihm sagt, dass er eine breite Medienresonanz benötigt, wenn seine neuen, ja revolutionären Vorstellungen zur Währungs- und Beschäftigungspolitik, die er in diesen Jahren ausbrütet, Einfluss auf die Politik gewinnen sollten". So stritt er im Rundfunk leidenschaftlich, patriotisch und polemisch für seine Überzeugungen.



Mehr als die Hälfte der Vorträge beschäftigt sich mit der Wirtschaftspolitik in der Weltwirtschaftskrise: Vor dem Hintergrund wachsender Arbeitslosigkeit, steigender Haushaltsdefizite und einer prozyklischen Finanzpolitik, die die Staatsausgaben den sinkenden Einnahmen anpasste, entwickelte er seine neue Theorie. Darin forderte Keynes, dass kreditfinanzierte staatliche Investitionen in Krisensituationen an die Stelle der fehlenden privaten Nachfrage treten müssen.



Sein Credo: "Sie werden den Haushalt niemals durch Maßnahmen ausgleichen, die das Nationaleinkommen schmälern. Der Schatzkanzler würde dann seinem eigenen Schwanz nachjagen - oder seinem Pferdefuß! Die einzige Chance, den Haushalt langfristig auszugleichen, besteht darin, wieder für normale Verhältnisse zu sorgen und damit die enorme Haushaltsbelastung aufgrund der Arbeitslosigkeit zu vermeiden." Eine Erfahrung, die vor einigen Jahren auch der damalige Finanzminister Hans Eichel machen musste, der glaubte, im konjunkturellen Abschwung den Haushaltkonsolidieren zu müssen.



Groß war Keynes' Freude angesichts des "New Deal", der US-Wirtschaftspolitik unter Präsident Franklin Delano Roosevelt ab 1933. Hier sah er seine Ideen der "Revolution und der Umwälzung" am Werk. We



r sich auch für das Privatleben des großen Ökonomen interessiert, kann auf die kleine, aber feine Biografie von Reinhart Blomert zurückgreifen. Darin wird das Leben eines klassischen englischen Bildungsbürgers nachgezeichnet: überdurchschnittlich begabter Professorensohn und Eton-Schüler, Cambridge-Student und Mitglied des literarischen Bloomsbury-Kreises.



Man liest erstaunt, dass Keynes seinen Abschluss in Mathematik machte und insgesamt nur acht Wochen Nationalökonomie studiert hat. Vielleicht die beste Voraussetzung, um ein bestehendes Theoriegebäude einzureißen. Und dass der Mathematiker bei seinen ersten Spekulationen am Devisenmarkt die Erfahrung machte, dass die Börse nicht rational arbeitet und ökonomische Logik keine Garantie gegen finanzielle Katastrophen ist, mag seine Skepsis gegenüber einer naiven Markteuphorie verstärkt haben.



Keynes hat nie bestritten, dass die Märkte auch ohne staatliche Intervention auf lange Sicht zum Gleichgewicht finden könnten und damit die Arbeitslosigkeit auch ohne ein Eingreifen des Staates wieder verschwände. Nur, was hilft diese Erkenntnis, wenn Demokratie und Marktwirtschaft dann schon beseitigt sind? Oder wie Keynes es treffender ausgedrückt hat: "Auf lange Sicht sind wir alle tot."



JOHN MAYNARD KEYNES: On Air. Der Weltökonom am Mikrofon der BBC Murmann Verlag, Hamburg 2008, 240 Seiten, 22,50 Euro.



REINHART BLOMERT: John Maynard Keynes Rowohlt, Reinbek 2007, 159 Seiten, 8,50 Euro.



JOHN MAYNARD KEYNES: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes Duncker & Humblot, Berlin 2006 (10. Aufl.), 343 Seiten, 38 Euro.

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