Los Angeles
Kunst im Schatten von New York

Der Berliner Gropius-Bau zeigt die Kunst der US-Westküste. Darunter sind zahlreiche Werke, die als unterbewertet gelten. Ein Rundgang verdeutlicht aber auch, warum die New Yorker Szene schon oft die Nase vorn hatten.
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BerlinDie Messlatte war sehr hoch gehängt: Nichts Geringeres als die ultimative Rehabilitierung einer zu Unrecht unterschätzten Künstlergarde hat man sich vorgenommen. Zehn Jahre Arbeit investierte das Getty Research Center in das Projekt, dessen Elaborat nach einer anders strukturierten Schau nur in Berlin gezeigt wird. Ein Dutzend kalifornischer Künstler und selbst Peter-Klaus Schuster, emeritierter Generaldirektor der Berliner Museen und ehemaliger Gast des Getty, wurden für die Pressekonferenz aufgeboten. Schuster lobte diese Schau wie weiland die eigenen Projekte in höchsten Tönen und pries ihren Katalog als „Bibel“ zur kalifornischen Kunst.

Und dann der Rundgang: die blanke Enttäuschung. Zu mager ist die Qualität vieler Künstler, zu heterogen und zeitgebunden erscheinen heute viele ihrer Werke. Mit einem Schlag versteht man, warum diese Kunst im Schatten der New Yorker Szene steht, die ja zur gleichen Zeit nicht nur den abstrakten Expressionismus, die Pop-Art und Minimal Art, sondern auch den Fotorealismus – allesamt Kunstrichtungen universeller Geltung – hervorgebracht hat.

Im Vergleich dazu erscheinen die meisten der Berliner Exponate eher schwachbrüstig, und man musste schon die berühmten Dusch- und Poolbilder des Briten David Hockney aus der Londoner Tate Gallery auffahren, um Weltläufigkeit zu dokumentieren.

Ähnlich hohen Stellenwert in der neueren Kunstgeschichte hat nur Edward Ruscha, dessen „Standard Station“ von 1963 ein Prototyp des schmalen, diagonal komponierten Signalbildes ist, das mit der drei Jahre später entstandenen „Hollywood Study“ die Macht des Zeichens über die Magie der Landschaft setzt.

Auch Sam Francis ist eine jener überragenden Figuren, die der Ausstellung ihr Gesicht geben. Doch seine Kunst hat sich nicht in Los Angeles, sondern in Paris im Dunstkreis der Tachisten um Riopelle entwickelt. Sein größtes Gemälde entstand als Auftragsarbeit der Neuen Nationalgalerie in Berlin und wurde jetzt für die Ausstellung aus dem Depot geholt. Das Monumentalbild beherrscht mit der Installation „Volksempfängers“ von Ed Kienholz, deren tönende Elemente der Künstler und seine Frau auf den Flohmärkten der geteilten Stadt fanden, den „Berlin room“ der Ausstellung.

Weite Strecken der Schau zeigen, wie stark die Abstraktion auch die südkalifornische Kunst nach 1945 beherrscht. Andere Werke arbeiten mit Fundstücken der Alltagskultur, die sich aber in den seltensten Fällen zu einem sinnstiftend Neuen zusammenfügen. Eine Ausnahme ist Wallace Berman, der in einer Collage mit hebräischem Schriftzug („Faceless Faces with Kabala“) die Gesichter fotografierter Paare auslöscht und so dem mit Braunton übergangenen Bild eine unheimliche Wirkung gibt. Gut erinnerlich aus alten Galeriezeiten sind die Plexiglaskästen, in denen der Bildhauer Robert Graham realistisch ausgeformte Kleinfiguren in Wachs und Bronze einschloss.

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