Martin Rembeck kennt sich in der Formenvielfalt der Herrenhäuser Gärten von Hannover gut aus – weil er blind ist
Sinfonie der Gartenkunst

Anlagen wie die "Herrenhäuser Gärten" zu Hannover sind seit jeher Oasen des Verweilens, der Muße und der Kontemplation. Gartenführer Martin Rembeck meint, Gartenkunst sei wie eine angelegte Musik. Rembeck ist von Haus aus Musiklehrer, Pianist, Klavierstimmer und Autor. Außerdem ist er blind.

Jedermann ist erlaubt sich im königl.= garten eine veränderung zu machen gemeynen leuten wird jedoch bey leibes strafe verboten ... die nachtigallen weder zu fangen noch zu stören ... sich der bänke bei der großen fontaine nur als dann zu bedienen, wenn solche für standespersonen oder vornehme fremde nicht nötig fallen ..."

So steht es auf einer Steintafel seit 1777 geschrieben, und zwar an einem Seiteneingang neben dem Galeriegebäude vor dem Großen Garten, dem Herzstück der "Herrenhäuser Gärten" zu Hannover. An diesem späten Augustsonntag 2005 aber geben die Nachtigallen (leider) Ruhe und hochmögende Standespersonen sind auch nicht in Sicht.

Wir können uns also getrost zu einer "Veränderung" in die Herrenhäuser Gärten aufmachen und vielleicht sogar auf einer Parkbank an der Großen Fontäne ausruhen, ohne den Hochadel zu molestieren. Anlagen wie die Herrenhäuser Gärten sind seit jeher Oasen des Verweilens, der Muße und der Kontemplation, seit Menschengedenken paradiesische Orte.

Unmittelbar augenfällig ist der Kontrast zwischen "da draußen" und "hier drinnen". Während vor Anlagen und Park und auf der Herrenhäuser Allee ein ziemliches Gewusel herrscht - Jogger, Rollerskater, Kinder, Bustouristen, Bockwurstverkäufer -, scheinen alle Parkbesucher gleich hinter dem Eingang in eine Art feierlich-heiteren Müßiggang überzuwechseln.

Ein flüchtiger Blick genügt: Hier geht man nicht mehr, sondern hier in den Gärten ergeht man sich. Gemessen, gemächlich, leise plaudernd, nachdenklich, versunken, philosophisch. Anlagen wie der "Große Garten" spiegeln immer auch philosophische Diskurse wieder, etwa die Frage nach dem Ort der Vernunft und dem Reich der Natur und dem Problem, wo zwischen alledem die Macht des Regenten anzusiedeln sei. Herzog Johann Friedrich war 1666 der Initiator eines Lustgartens südlich seines Schlosses, das 1943 ausgerechnet von britischen Bombern zerstört wurde. Denn Georg I., der Kurfürst von Hannover, war 1714 auch König von Großbritannien geworden.

Die Gärten brachte die spätere Kurfürstin Sophie zu der Pracht, die aus Formenstrenge und Verspieltheit, Reduktion und Vielfalt zugleich besteht. Sie war die eigentliche Gestalterin. "Nichts, was in den Jahren 1680 und 1714 erschaffen und verändert wurde, geschah ohne ihren ausdrücklichen Wunsch", heißt es in einer Chronik.

Weil Sophie in den Niederlanden aufgewachsen war, kam es wohl auch, dass hier ein niederländisch-italienischer Barockgarten entstand und keine französische Konzeption nach dem Vorbild von Versailles.

"Französische Gärten", sagt der kundige Martin Rembeck, "enden in der freien Natur, sind allenfalls begrenzt durch kleine Gräben. Italienisch-holländische Gärten sind als geschlossene Anlagen gebaut worden, von Wasser umgeben."

Gartenführer Rembeck fährt mit der linken Hand flüchtig über eine Stahlplatte, welche die Konturen des "Großen Gartens" vor uns wiedergibt. Mit dem rechten Arm weist er auf eine Anordnung von Blumenbeeten und-feldern vor uns, die teils von Kieswegen, teils von Rasenwegen durchzogen ist, begrenzt von blendend weißen Statuen griechischer Gottheiten. "Das ist das große Parterre - das Schaustück gewissermaßen, das der Hof seinen Gästen stolz präsentierte."

Rembeck erzählt beiläufig von der Blumenpracht, die sich in den ornamentierten Rechtecken entfaltet, aber auch hinter den Schwanenteichen in acht Gärtchen, die von mannshohen Hecken umgeben sind. "Von Farben verstehe ich nichts", sagt Rembeck, "dafür mehr von Formen und Anordnungen und Kompositionen. Ich beschäftige mich mit Fragen der Harmonie und mit dem Zusammenhang von Musik, Mathematik und Architektur." "Gartenkunst", sagt Rembeck, "ist wie eine angelegte Musik."

Dass ihm Farben eher fremd sind, hat einen einfachen Grund: Rembeck ist blind. Und dass ihm Formenvielfalt und-kompositionen sehr vertraut sind, hat damit zu tun, dass er von Haus aus Musiklehrer, Pianist, Klavierstimmer und Autor ist.

Seit zehn Jahren ist der Hannoveraner Martin Rembeck (46) von der Gartenkunst fasziniert und bietet Führungen durch die Anlagen in den Herrenhäuser Gärten an, sei es durch den angrenzenden Georgengarten (nach englischem Vorbild), in dem das Wilhelm-Busch-Museum steht, oder den "Großen Garten", den wir heute durchqueren.

Barockgärten wie die "Herrenhäuser Gärten" sind Architekturgärten. In ihnen reflektieren Labyrinthe, Verwirrspiele und Illusionen den höfischen Zeitgeist und verweisen auf die beständige Sehnsucht nach Ordnung der Kultur im Chaos der Natur - und darauf treffen die Flaneure allenthalben.

Nehmen wir den Irrgarten an der Westseite des Parks, unmittelbar neben den verschlungen angeordneten Beeten des Renaissancegartens. Oder die Bühne des Gartentheaters, die in der Länge 30 oder 40 Meter umfassen mag. Die Illusion von Weite und Grenzenlosigkeit perfekt, weil sie sich zum Garten hin und in der Ferne zu einem Brunnen hin verjüngt und verengt.

Zu Sophies Zeiten wurden hier allerlei Intrigen- und Possenspiele aufgeführt - heute ist die Bühne des Gartentheaters gesäumt von goldlackierten Statuen, Schauplatz des Shakespearschen Sommernachtstraums als Musical.

Wir durchqueren pure Geometrie, die zu Gartenarchitektur geworden ist, etwa im "Lindenstück", in dem es wie auch sonst am exakten rechten Winkel fehlt. Überall fehlen entweder 2,8 Grad, oder sie sind zugefügt. Wahrscheinlich um das Auge des Betrachters fast unmerklich zu täuschen.

Wir passieren einen "Niederdeutschen Rosengarten", einen Rokoko- und einen kleinen Renaissancegarten, der ausschließlich aus Kiesbett und Buchsbaum besteht und dessen sich doppelnde Formensprachen Rembeck in der Philosophie ihrer Zeit begründet sieht.

Wie ein Wandern durch eine Sinfonie aus auf- und abschwellenden rauschenden und klingenden Tönen erscheint der Spaziergang, während wir uns von den sanften "Kleinen Fontänen" auf die hochschießende "Große Fontäne" zubewegen - Höhepunkt eines Spaziergangs durch eine Anlage, für die sich Kurfürstin Sophie einst selbst rühmte: "Nur mit dem Herrenhäuser Garten können wir prunken, der in der Tat schön und wohl gehalten ist."

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