Martin Walser
Ein Provokateur und Puppenspieler

Er ist einer der wichtigsten zeitgenössischen deutschen Schriftsteller: Martin Walser. Der Erzähler, Sprachvirtuose und Provokateur - bekannt durch Werke wie „Tod eines Krtikers“ - wird am heutigen Samstag 85 Jahre alt.
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ÜberlingenMit Schubladen und Etiketten kennt Martin Walser sich aus. Als was ist der Schriftsteller nicht schon alles bezeichnet worden - er galt als Kommunist, als Nationalist, und immer wieder stand auch das Wort Antisemitismus im Raum.

Es sind Vorwürfe, die den Autor heute noch kränken. „Versuche, mich zu erledigen“, nennt er sie. Das Schlimme dabei sei, dass man ständig in eine Verteidigungsrolle gedrängt werde. „Man fühlt sich angegriffen. Aber ich weiß, dass man durch nichts so dumm wird, wie durch Verteidigung.“

Martin Walser - der am 24. März 85 Jahre alt wird - ist gleich einige Male angeeckt in seinem Leben. Für provokante Äußerungen zu aktuellen Diskussionen hat er öfter heftige Hiebe bezogen. Als er sich gegen den Vietnamkrieg ausspricht, wird er als Kommunist bezeichnet.

1988 bekennt Walser, er könne sich nicht mit der deutschen Teilung abfinden - daraufhin wird der Autor, der in den 60er Jahren noch Wahlkampf für die SPD gemacht hatte, in die rechtskonservative Ecke gedrängt.

1998 löst er bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels mit seiner Kritik an einer „Instrumentalisierung von Auschwitz“ eine monatelange Kontroverse aus. Und immer wieder geht es auch um sein schwieriges Verhältnis zu dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Den erkennen viele im Protagonisten seines 2002 erschienenen satirischen Roman „Tod eines Kritikers“ wieder.

Der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAZ), Frank Schirrmacher, weigerte sich damals, den Text vorab zu drucken. Sein Argument: Walser spiele mit „antisemitischen Klischees“.

Durch Provokation, durch Einmischen, durch konsequente Stellungnahme hat der Schriftsteller über die Jahre hinweg einige Weggefährten verloren. Und man sieht ihm an, dass das noch immer schmerzt. „Das bleibt unangenehm. Man denkt nur nicht mehr dauernd daran.“

Wenn man ihn fragt, ob die Zeit alte Wunden heilen kann - beispielsweise auch den Zwist mit Reich-Ranicki -, schweigt er. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer in Überlingen am Bodensee, lehnt sich auf dem Sofa zurück und wischt sich mit der Hand über die Augen. „Es muss ja auch nicht alles gelingen“, sagt er dann.

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Erste Gedichte mit zwölf Jahren

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