Kultur + Kunstmarkt
Mönche beleben Tradition der Reichenau

Auf der früheren Klosterinsel Reichenau lebt die über 1000-jährige Tradition wieder auf. Benediktiner-Mönche sind auf das vor drei Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe erklärte Eiland im Bodensee zurückgekehrt.

dpa REICHENAU. Auf der früheren Klosterinsel Reichenau lebt die über 1000-jährige Tradition wieder auf. Benediktiner-Mönche sind auf das vor drei Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe erklärte Eiland im Bodensee zurückgekehrt.

Hier hatte der Wanderbischof Pirmin 724 ein Kloster gegründet und damit den Grundstein für die Blütezeit im frühen Mittelalter gelegt. Pater Daniel Riedmann (38) und Pater Stephan Vorwerk (49) bilden die „Cella St. Benedikt“, eine der Erzabtei St. Beuron zugeordnete Gemeinschaft. Die beiden Männer wagen 250 Jahre nach dem Ende des Klosterlebens einen Neuanfang. Dazu gehören für alle zugängliche Stundengebete in der Kirche St. Peter und Paul, Seelsorge und die Ausbildung von Nachwuchs.

Froh über eine Belebung des „Geistes der Reichenau“ durch die Mönche ist auch Kulturamtsleiter Karl Wehrle. Denn für die Gemeinde war der Unesco-Titel bisher nicht nur Quell der Freude. Das Prädikat hat der fünf Kilometer langen und bis zu 1,5 Kilometer breiten Gemüse-Insel zwar mehr Aufmerksamkeit, aber kaum mehr Gäste gebracht. Die Übernachtungszahlen stagnieren bei etwa 200 000 im Jahr, die der Tagestouristen bei rund einer Million.

Dass ein Boom ausgeblieben ist, erklärt Wehrle damit, dass die Gäste noch zu wenig über die vielfältigen Aspekte der Inselgeschichte erfahren. Dafür fehlte der 5000-Einwohner-Gemeinde bisher das Geld. Doch nun naht Hilfe in Form eines Zuschusses von einer Million Euro der Landesstiftung. Damit sollen bis spätestens 2006 drei Informationsstellen nahe dem Marienmünster mit den Abtei-Gebäuden in Mittelzell, bei der Kirche St. Georg mit den berühmten Fresken in Oberzell und St. Peter und Paul in Niederzell entstehen.

Mit der Gestaltung dieser drei „Mini-Museen“ ist der Freiburger Kunsthistoriker Timo John beauftragt worden. „Ich möchte, dass die Besucher mehr wahrnehmen als die drei Kirchen, den Salat und die Gewächshäuser“, sagt er. Ihm schweben Informationen über die Baugeschichte von Kloster und Münster, Siedlungsstruktur, Dichtung, Wissenschaft, Gartenkunst und Reliquienverehrung vor. Vermittelt werden soll, warum die Insel zwischen dem 9. und dem 11. Jahrhundert zu den bedeutendsten kulturellen und politischen Zentren des Abendlandes gehörte.

Einen besonderen Platz will John für die in alle Welt gelieferten, reich illustrierten Reichenauer Handschriften reservieren, etwa mit Faksimiles und im Computer. In einem nachgebildeten Skriptorium sollen Gäste auch selbst mit Farben und Schreibutensilien hantieren können. Breiten Raum werden auch Informationen über den Mönch „Hermann den Lahmen“ einnehmen, dessen Todestag sich am 24. September zum 950. Mal jährt. Der schwerbehinderte Universalgelehrte, Spross einer Grafenfamilie aus Altshausen (Kreis Ravensburg), ist für John eine der „faszinierendsten Gestalten der Reichenau“. Bewandert in Wissenschaften wie Schönen Künsten erfand er unter anderem eine tragbare Sonnenuhr, die Hirten jahrhundertelang benutzten.

Wehrle hat aber noch eine andere schwierige Aufgabe zu bewältigen. Er muss seine Mitbürger, die seit der Verleihung der Unesco-Urkunde am 15. August 2001 über ein Leitbild streiten, stärker als bisher für die Welterbe-Idee begeistern. „Wir brauchen einen Managementplan für die ganze Insel, wir sitzen alle in einem Boot“, betont er. Wenn die Bürger merkten, dass ihnen die Auszeichnung mehr einbringt als nur Verkehrsstaus, werde sich am Ende das Gefühl durchsetzen: „Wir sind stolz auf dieses Erbe“, hofft der Tourismus-Chef.

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