Münchener Residenz
Leben bei Thomas Mann

Eine Villa bauen kann jeder. Die von Thomas Mann wieder aufzubauen erfordert Bildung und Liebe zum Detail. Die Familie des Deutschland-Chefs von Goldman & Sachs, Dibelius, hat es vollbracht und lebt jetzt im „Poschi“, wie es die Manns ihrerzeit liebevoll nannten.

Diese Geschichte beginnt auch mit einem Spaziergang, den eine junge Münchenerin vor fünf Jahren unternahm. Das Ergebnis ist heute in der Münchener Thomas-Mann-Allee Nummer 10 zu besichtigen, als großzügige Villa hinter heller Fassade, zweigeschossig, von einem Walmdach gedeckt. Ein prachtvolles Anwesen, gewiss, in wunderbar bevorzugter Villenlage am Herzogpark. Dennoch wäre das Haus der Rede nicht ausdrücklich wert, wenn es nicht mit dem Namen Thomas Mann verbunden wäre und mit einer eigenen Rekonstruktionsgeschichte, die ihren Anfang mit dem Spaziergang der Andrea Dibelius nahm.

Wir müssen uns die Umstände recht unspektakulär vorstellen. Eine junge Frau will sich die Beine vertreten und unten an der Isar frische Luft schnappen. Vielleicht sogar nach dem einen oder anderen Grundstück Ausschau halten, einem Haus oder einer Wohnung.

„Genau so war’s“, sagt Andrea Dibelius und ereifert sich, um ein paar Minidezibel heftiger als sonst: „Woher wissen Sie das?“ Dazu braucht es keiner besonderen Vorstellungskraft. Wo doch halb München immerzu auf der Suche nach einem neuen, besseren Zuhause ist und die Suche danach mit einem Spaziergang verbindet. Sei es im schnöden Hasenbergl oder im schicken Herzogpark.

Man muss die Spaziergängerin Andrea Dibelius an diesem Abend des Frühjahrs 2001 etwas abenteuerlustiger vor Augen haben, als sie sich normalerweise präsentiert, wenn sie ihren Gesprächspartnern mit gelassener, achtsamer und neugieriger Freundlichkeit so undramatisch wie unaufgeregt begegnet. Womöglich war es eine Mischung aus Ahnung, Jagdfieber und Neugier, mit der sie an jenem Abend über die Gartenmauer des verfallenen Bungalows kletterte, der in den 50er-Jahren dem Münchener Apotheker Dr. Otto Roeder gehörte, zuletzt dem einstigen Börsenliebling Florian Haffa. Zeitweise hatte sich auch eine Freundin Elisabeth Mann Borgeses, der jüngsten Tochter Thomas Manns, darum bemüht, hier die Stadt München als Investorin zu gewinnen und eine Art Thomas-Mann-Museum zu begründen, was an finanziellen und planungsrechtlichen Problemen scheiterte „und wohl auch am Zeitmanagement“, wie Andrea Dibelius in einem Tonfall sagt, der die Nähe zu Managementkultur und -jargon aufblitzen lässt.

Die Österreicherin Andrea Dibelius hat nach beruflichen Stationen in Marketingabteilungen kleinerer und größerer Unternehmen, zuletzt bei der Daimler-Chrysler Bank in Berlin, ihren Weg in die unternehmerische Selbstständigkeit als Marketing- und Kommunikationsberaterin gefunden; ihr Ehemann Alexander, gelernter Chirurg, ist Deutschland- und Zentraleuropachef einer großen amerikanischen Investmentbank. Ihm erzählte Andrea Dibelius später von ihrer „Entdeckung“. Nicht, dass sie völlig unbefangen und naiv zu Werke gegangen wäre. „Thomas-Mann-Allee stand auf dem Straßenschild“, sagt sie heute, „ich hatte damals allerdings nur eine vage Vorstellung davon, was diese Straße und dieses Haus mit dem Leben der Familie Mann zu tun hatte. Hatte Thomas Mann in dem halb verfallenen Bungalow gelebt?“ Heute weiß Andrea Dibelius die Antwort: Auf dem Fundament und den Kellerwänden des alten Hauses war 1955 ein Neubau entstanden, eine etwas unentschlossen-mühsame und viertelherzige Erinnerung an die ursprüngliche Villa der Manns, die im Jargon der Mann-Familie liebevoll „Die Poschi“ genannt wurde, in Anlehnung an die damalige Anschrift „Poschingerstraße 1“.

Die teilweise kriegszerstörte Mann-Villa wurde 1953 abgerissen und durch den etwas seltsamen Bungalow ersetzt, der mit den Jahren verfiel. Durch die zugewachsene und vermüllte Halbruine kletterte Andrea Dibelius in das Hausinnere, wo es „ganz modrig roch und alt, wie bei meiner Großmutter im Keller“. Sie stolperte über alte Feldbetten, Lager für Stadtstreicher, zerschlissene Bettwäsche, aber auch Silberbesteck, das sie heute noch verwahrt. Und verließ das Grundstück mit dem festen Vorsatz, Nachforschungen anzustellen und es – vielleicht – für sich und ihre Familie zu erwerben.

Seite 1:

Leben bei Thomas Mann

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%