Musik
Opferlamm und Heilstrompeter

Till Brönner ist Deutschlands erfolgreichster Jazzer. Seltsam, dass ihn viele Kollegen und Kritiker nicht mögen.

Da sitzt er nun und versprüht Italienischkeit. Die schwarzen Haare auf eine Art verwuschelt, für die Coiffeure gern ein paar Euro mehr nehmen, der Bart hat seit Tagen keine Klinge mehr gesehen, das beige Hemd beweist, dass auch Baumwolle edel knittern kann. Eigentlich müsste Till Brönner in diesen Tagen hibbelig sein, sich aufblasen, groß tun und den Star raushängen lassen. Schließlich gelang ihm Erstaunliches: Als deutscher Jazz-Musiker sprang er mit seinem neuen Album „That Summer“ auf Platz 17 der Verkaufsliste. Gleichzeitig schrieb er die Filmmusik zu „Höllentour“, dem Dokumentarfilm über die Tour de France von Oscar- Preisträger Pepe Danquart, der es unter die Kino-Top-Ten schaffte.

Doch Brönner ist entspannt. Tiefenentspannt. Vielleicht sind es seine ersten fünf Lebensjahre, die da nachwirken. In Italien verbrachte er sie dank seiner Eltern. Brönner blieb ein Kind des Sonnenscheins: Mit neun Jahren bekam er seine erste Trompete – nicht weil seine Eltern ihn zur Musik trieben, sondern weil er sie sich wünschte. Die Big Bands in TV-Shows wie „Am laufenden Band“ hatten es ihm angetan, dort, wo die Trompeter immer ganz oben saßen.

Doch als andere Heranwachsende ihre Instrumente in die Ecke warfen, weil die Pubertät Hormone und Freizeitgestaltung durcheinander wirbelten, übte Brönner weiter. „Musik war und ist mein Sauerstoff, meine Sprache“, sagt er. Beliebter machte ihn das nicht:„Mein komischer Musikgeschmack, die Trompete, ich ging nie wirklich mit den anderen saufen oder Fußball spielen, benahm mich nicht daneben – ich bin halt immer üben gegangen.“ Zu dieser Zeit spielte er auch „Sakral-Pop“ in der Schulband, er am Keyboard, ein anderer bekannter Name am Schlagzeug: Mitschüler Stefan Raab. Noch heute sind die beiden befreundet.

Bundesweit sorgte Brönner mit seiner Trompete 1986 zum ersten Mal für Aufsehen: Er gewann den Wettbewerb „Jugend jazzt“– im Alter von 15 Jahren. Ein Jahr später spielte er schon im Bundesjazzorchester unter der Leitung von Peter Herbolzheimer, parallel zur Schule und dann zum Studium an der Musikhochschule Köln– obwohl er eigentlich zu jung war, um angenommen zu werden. Und dann, mit gerade mal 20, saß er 1991 dort, wohin er sich immer geträumt hatte – in der Trompeterreihe der Big Band des Rias Berlin.

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