Nagelkünstler Günther Uecker
„Die Poesie wird mit dem Hammer gemacht!“

Der Künstler Günther Uecker hat den Nagel in die Kunstgeschichte eingeführt und als Künstler Grenzen geöffnet. Für das Handelsblatt öffnete er sein Atelier und sprach er über Gewalt und Aggression, Kunst und Markt.
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DüsseldorfHerr Uecker, nervt es, wenn Sie Nagelkünstler genannt werden?

Warum soll ich mich ärgern? Das ist so, als wenn Sie mich zu einem Markennamen erklären.

Sie sind Maler und haben diesen Markennamen angenommen?

Die Leute, die sehen nur die Nägel. Ich mache Werke, die sich bewehren. Sie haben ihre eigene Verteidigungsdominanz, es sind bewehrte Bilder. Dahinter befinden sich auf der Fläche malerische Entwicklungen, die so übermalt sind, dass sie kaum wahrnehmbar sind. Darin sind Chiffren, Metaphern, Empfindungen artikuliert, dann wieder übermalt, am Ende werden die Nägel eingeschlagen.

Was gab den Impuls, Nägel zu verwenden?

Das ist aus dem Zeichnen entstanden. Den Nagel habe ich verwendet wie einen Bleistift, um eine Linie zu ziehen. Ich bin in der DDR aufgewachsen und geprägt vom idealistischen Materialismus. Die Realität zu zeichnen ist eine Lüge. Darstellung ist Theater. Nach der Russischen Revolution hieß es: „Die Poesie wird mit dem Hammer gemacht!“ Das war für mich eine Herausforderung, meine Faust, den Nagel, einfach ins Papier zu schlagen.

So haben Sie den Nagel in die Kunstgeschichte eingeführt.

Ja, 1957. Jeder Nagel ist eine gezeichnete Linie im plastischen Raum. Die Nägel werfen Schatten. Der verändert sich im Laufe des Tages und beflügelt unsere kosmischen Fantasien.

Woher kam die Aggression, den Nagel sogar mit der Spitze auf den Betrachter zu richten?

Das befriedet die Aggression.

Wessen?

Des Künstlers und des Betrachters. Weil das Kunstwerk die Zärtlichkeit herausfordert. Alle müssen es anfassen. Berührt man es, erfährt man doch, dass es Widersprüche gibt im Menschen, vereint in seiner Poesie. Diese Widersprüche erfährt man bei der Rezeption meiner Werke.

Ihre Kunst hat die Bourgeoisie attackiert. Doch Sie lebten von Sammlern, die Unternehmer waren. Ein Widerspruch?

Bürgerlichkeit mit Büchern und Bildern hatte ich eigentlich bewundert. Aber unkritische Bürgerlichkeit ist gefährlich. Etwa verminderte Zivilcourage und kollektive Verführbarkeit. Ich habe Möbel aus dem Alltag der Leute gesammelt und benagelt, um deren Kultverhalten zu stören. Kunst transformiert.

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