Neue Bücher über Israel
Vom Mythos zum Staat

Israel wird sechzig Jahre alt. Neue Bücher zeigen das Entstehen und die Vielfalt einer wohl einzigartigen Gesellschaft

„Dieses Buch war der erste Versuch, sich mit der Geschichte eines Landes auseinanderzusetzen, das bis dato keine Historiografie kennt.” Das klingt nicht wirklich bescheiden, doch was Tom Segev in der soeben erschienenen deutschen Ausgabe seines 1984 im Original veröffentlichten Buchs über Israels Staatsgründung schreibt, ist wahr. Damals wirbelte es enorm Staub auf, denn Segev wie auch andere junge Forscher, die bald unter der Bezeichnung „Neue Historiker“ firmierten, zerlegten auf Basis solider Quellenrecherchen so ziemlich alles, was an Mythen rund um das Entstehen des jüdischen Staates bis dahin Gültigkeit hatte.

Egal ob es um den Umgang mit durch den Holocaust traumatisierten Flüchtlingen aus Europa oder einwandernden Juden aus arabischen Ländern ging – die Eliten des am 14. Mai 1948 ins Leben gerufenen Staats machten es ihnen aufgrund ihrer paternalistischen oder einfach nur ignoranten Haltung oft schwer, in Israel Fuß zu fassen, so lautet das Fazit. Meisterlich und faktengesättigt schildert Segev die Ereignisse jener Monate aus dem Jahr 1948 und liefert damit den Schlüssel zum Verständnis Israels in der Gegenwart.

„Wer Israel wirklich verstehen möchte, muss genau hinschauen”, meint Michael Borgstede. Und das machen er sowie Igal Avidan und Silke Tempel in ihren neuen Büchern auch. Als Korrespondenten, die regelmäßig über die Region berichten, scheinen sie dankbar zu sein, endlich mal darüber schreiben zu können, was abseits des Tagesgeschäftes geschieht.

„Nimmt man Israel denn wirklich nur als eine der Parteien in dem seit Generationen andauernden Konflikt mit den Palästinensern wahr und nicht auch als ein westliches, modernes Land, in dem man sogar ein recht angenehmes Leben führen kann?” fragt Silke Tempel. Gerade in der deutschen Öffentlichkeit ist das Bild Israels geprägt von Gewalt und Terror. Dieses zu korrigieren ist die Absicht der Autoren.

Silke Tempel wählte dafür die Form eines Reiseberichts. Sie besuchte beispielsweise den Kibbuz Yotvata, um zu zeigen, wie dank der Hartnäckigkeit und des Erfindungsreichtums der Pioniere aus den fünfziger Jahren auch in der Negev-Wüste Schleswig-Holsteiner Milchkühe zu Höchstleistungen fähig sein können und was aus der sozialistischen Kibbuz-Idee von einst geworden ist. Oder sie besucht Tel Aviv und schildert das quirlige Leben der keine hundert Jahre alten Metropole

.

„Die Stadt sei eine einzigartige soziologische Freiluft-Versuchsanstalt, bemerkte bereits in den fünfziger Jahren der Philosoph Isaiah Berlin.” Natürlich verweist sie auch auf die zahlreichen Bruchlinien innerhalb der israelischen Gesellschaft, wobei sie sich wohltuend von den gängigen Darstellungen Israels abhebt, die ein „gespaltenes Land“ schildern, in dem sich säkulare und orthodoxe Juden sowie die israelischen Araber gnadenlos gegenseitig beharken.

„Das hochkomplizierte Miteinander der Bewohner dieses Landes besser verständlich zu machen“ ist ebenfalls die Absicht von Michael Borgstede. Mit seinen Reportagen vermittelt er dem Leser Eindrücke, wie man sie sonst selten findet. Ein Schwerpunkt des Buchs ist die Rolle Israels als Einwanderungsgesellschaft: So sind rund zwanzig Prozent der Israelis in der ehemaligen UdSSR geboren. Es war der Zustrom der zumeist gut ausgebildeten „Russen“, der Israels Aufstieg in die oberste Liga der High-Tech-Industriegesellschaften möglich machte.

Borgstede zeigt aber auch, wie schwierig sich Israel oft mit der Integration von Zuwanderern tut, so etwa bei den aus Äthiopien stammenden Juden, den nicht-jüdischen Verwandten der „Russen“, die ebenfalls mit ins Land kamen, sowie Gastarbeitern und Flüchtlingen aus der Dritten Welt.

Und er erinnert daran, dass jeder fünfte Israeli ein Araber ist. Zwar waren die Beziehungen zwischen Juden und ihnen schon mal entspannter, doch: „Überraschende 67,4 Prozent der Araber geben an, sie würden damit zufrieden sein, in einem jüdischen Staat zu leben, wenn es daneben auch einen palästinensischen Staat gäbe.” Israels Gesellschaft gleicht einem einzigartigen Mosaik, und Borgstedes Buch spiegelt das bestens wider.

Leider kann man das nicht über Igal Avidans Darstellungen sagen. Anhand zahlreicher Porträts von mehr oder weniger bekannten Israelis versucht er ebenfalls, die Vielfalt der politischen Positionen in der Gesellschaft zu skizzieren, hat dabei aber allzu sehr das Radikale in seinem Blickfeld. Hinzu kommen kapitale Fehler.

Ein Beispiel: „Ohne die Ausrottung der 700 000 Palästinenser wäre ein jüdischer Staat erst gar nicht entstanden.” So zitiert Avidan den israelischen Historiker Benny Morris, der das gleichnamige Standardwerk über die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems geschrieben hat.

Natürlich sind die 700 000 Palästinenser nicht ausgerottet worden. Außerdem sprach Morris im Originalinterview, auf das Avidan sich beruft, von einem „uprooting”, was auf Deutsch so viel wie „entwurzeln” heißt. Ob solche Fauxpas einfach nur redaktioneller Schlampigkeit geschuldet sind oder nicht, mag dahingestellt sein. Das Urteil lautet aber: Finger weg von diesem Buch!

TOM SEGEV: Die ersten Israelis. Das Land der Juden nach der Staatsgründung Siedler, München 2008, 414 Seiten, 24,95 Euro

IGAL AVIDAN: Israel – Ein Staat sucht sich selbst Diederichs, München 2008, 216 Seiten, 19,95 Euro

MICHAEL BORGSTEDE: Leben in Israel. Alltag im Ausnahmezustand Herbig, München 2008, 255 Seiten, 19,90 Euro

SILKE TEMPEL: Israel – Reise durch ein altes neues Land Rowohlt Berlin, Berlin 2008, 254 Seiten, 19,90 Euro

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