Nobelpreis für Literatur
Ein Votum für die Frauen

Eigentlich war das Thema Nobelpreis für Doris Lessing längst erledigt. Zu oft hatte sie sich schon mit der Rolle der gescheiterten Favoritin abfinden müssen. Dass ihr nun der Preis doch noch zuerkannt wurde, hat aber nicht überall Zustimmung gefunden.

STOCKHOlM. Für Überraschungen waren sie schon immer gut: Die Ausgezeichnete, Doris Lessing, die sich nie in eine Ecke drängen ließ. Und auch die schwedische Akademie, die in den vergangenen Jahren immer wieder mit Entscheidungen für Furore gesorgt hat. Die britische Schriftstellerin erhält den diesjährigen Literatur-Nobelpreis und ahnte selbst offenbar nichts von der bevorstehenden Ehrung. Sie befand sich im heimatlichen London auf „einem Einkaufsbummel“ als die Entscheidung in Stockholm fiel, teilte ihr Agent mit.

Das Nobel-Komitee rang sich zu einer Wahl durch, die in Schweden als „Riesenüberraschung“ gewertet wurde: Mit der Britin Doris Lessing zeichnet das vornehmlich mit älteren Herren besetzte Gremium eine Frau aus, und dazu noch eine Schriftstellerin, die zu den Ikonen der feministischen Literatur zählt. Sie sei eine „Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat“, heißt es in der Begründung der Akademie. Wiedergutmachung? Seit der Literatur-Nobelpreis erstmals 1901 vergeben wurde, haben gerade einmal zehn Frauen die höchste literarische Auszeichnung der Welt erhalten. Doris Lessing ist die elfte.

Die am 22. Oktober 1919 in damaligen persischen Kermanshah geborene Tochter eines englischen Krankenschwester und eines englischen Bankangestellten zählt zu den Ikonen der Frauen-Literatur, nachdem sie 1962 „Das goldene Notizbuch“ veröffentlicht hatte. Darin beschreibt die Britin eindrucksvoll das Zusammenleben von Mann und Frau. Dabei lässt Lessing die Protagonistin Anna Wulf deren Erfahrungen in Form von Tagebuch-Eintragungen, Zeitungsausschnitten, Nachrichtentelegrammen und Träumen beschreiben. Die ungewöhnliche Romanform lässt die Komplexität der Lebenserfahrungen von Anna Wulf intensiv spürbar werden.

Die Lebenserfahrungen der Anna Wulf sind auch die der Doris Lessing: Geboren im damaligen Persien, wuchs sie im britischen Südrhodesien, dem heutigen Zimbabwe, auf. Ihre Eltern waren in der Hoffnung auf ein besseres Leben dorthin ausgewandert. Doris Lessing wurde Zeugin der Rassentrennung, sah das durch Armut und Überlebenskampf oftmals zerrüttete Verhältnis der Geschlechter. Beide Themen ziehen sich durch das gesamte Werk der fast 88jährigen Autorin.

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