Öffentliche Kunstsammlungen
Museen in der Wachstumsfalle

Das Budget der Museen wird immer kleiner, die Ausstellungen immer mehr. Für das Sammeln, Bewahren und Forschen fehlt das Geld. Können die Häuser so weitermachen wie bisher? Ein Symposium der Stuttgarter Staatsgalerie stellt unbequeme Fragen.

StuttgartChristiane Lange, die Chefin der Staatsgalerie Stuttgart, hat einen Nerv getroffen. Mit ihrer Forderung, die Entwicklung der Kunstmuseen gründlich neu zu überdenken, hat sie die Zunft aufgeschreckt. Sie verlangt, auch nicht vor dem Tabu halt zu machen, über die Schließung des einen oder anderen Hauses eine Diskussion zu führen. Damit hat die mutige Direktorin einen Stein in den den Teich geworfen. Die dadurch erzeugten Wellen sind höher und reichen weiter, als sie voraussehen konnte.

Zu dem Symposium über die Grenzen des Wachstums der Kunstmuseen kamen am 26. und 27. November 2015 erstaunlich viele Museumspraktiker und Kunsthistoriker aus ganz Deutschland nach Stuttgart. Lange, die auch als Professorin lehrt, stellte dabei die provozierende Frage: „Kann es eigentlich so weitergehen wie in den letzten 25 Jahren? Ist die Wachstumsideologie am Ende?“

Erdrückendes Angebot

Seit 1990 stieg die Zahl der Museen in Deutschland um 57,5 Prozent. Darunter sind zehn Prozent Kunstmuseen. Man müsse pro Tag eines Jahres fast zehn Ausstellungen in Deutschland besuchen, um alle Angebote wahrzunehmen, rechnet Lange vor. Ihr Fazit: „Die schiere Menge an Museen und Ausstellungen führt zu einer Konkurrenzsituation unter den Häusern, die die eigentlichen Aufgaben, Sammeln, Bewahren, Forschen, in den Hintergrund treten lässt.“

Zwar sind die Kulturausgaben des Bundes und der Länder in Deutschland immer noch relativ stabil, 10,5 Milliarden Euro pro Jahr, davon 18 Prozent für Museen. Durch die höhere Zahl von Institutionen, Ausstellungen und Events werde das Budget der einzelnen Häuser aber immer kleiner. Der Ruf nach noch mehr Geld werde aber nach Einschätzung der Museumsdirektorin angesichts anderer drängender Probleme und der demografischen Entwicklung nicht erfolgreich sein.

Ein utopisches Unternehmen

„Es ist in Deutschland leichter, ein Kunstmuseum zu eröffnen als eines zu schließen“, sagt der Münchner Kunstsoziologe und Professor für Kunstgeschichte Walter Grasskamp. Er ermunterte bei der Stuttgarter Tagung zum Nach- und Umdenken in der Museumsszene und in der Kulturpolitik. Für ihn ist das Kunstmuseum ein „Wohlstandsphänomen, ein utopische Unternehmen“ mit einer Vielzahl von Paradoxien.

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Das Kunstmuseum - Eine Fehlkonstruktion?

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