Reifenwahl ist entscheidend
Im Museum darf gespielt werden

Mit Pisten aus Holz und Pappe baut der New Yorker Künstler Tom Sachs ganze Stadtviertel nach. Zwischen den Nachbauten von Le Corbusiers Wohnmaschine, New Yorker Slums und einem McDonald’s-Drive-in können Museumsbesucher mit Modellautos Rennen fahren.

Mini-Z-Cars sind richtige kleine Rennmaschinen mit Fernbedienung. Wer ein solches Miniaturauto im Maßstab 1:28 besitzt, kann damit an nationalen und internationalen Rennen teilnehmen, ein umfassendes Tuning des kleinen Boliden vorausgesetzt.

So ist die richtige Reifenwahl auch bei den Miniautos entscheidend, die von der japanischen Kyosho Electronics hergestellt werden. Die Pneus gibt es in verschiedenen Gummimischungen – je weicher, desto besser die Haftung. Die einzeln aufgehängten Räder können durch Federn in drei verschiedenen Härten gedämpft werden. Und den standardmäßig gelieferten Motor sollte man auch frisieren, um bei einem Rennen eine Chance zu haben.

Eine Wissenschaft für sich, die auch Tom Sachs beherrscht. Der New Yorker Künstler nennt einen ganzen Stall voller Mini-Z-Cars sein Eigen. Für seine Rennwagen hat er sogar einen eigenen Namen kreiert: Nutsys. Ein Kunstwort, in das einiges verpackt ist: So scheint in den Spielzeugwagen die ganze Welt des Tom Sachs wie in der Nussschale („nut“) aufgehoben, bei der es sich allerdings auch um eine ziemlich verrückte („nuts“) handeln muss.

Eine Reihe raumgreifender Rennparcours, die durch verschiedene Stadtteile und Lebenswelten verlaufen, hat Tom Sachs nun in der kleinen Halle des Berliner Guggenheim- Ablegers aufgebaut. Seine Pisten aus Holz und Pappe führen unter anderem durch einen New Yorker Slum, in dem scharf geschossen wird und Mülltonnen, Autowracks, alte Reifen und anderes Gerümpel auf der Straße liegen. Eine Kurve weiter führt die Straße durch einen Park mit überlebensgroßen modernen Skulpturen. Auch der Arbeitsplatz eines DJ wird zur Rennstrecke, in die zwei Plattenspieler eingelassen sind. Die drehen sich ständig und bringen die Rennwagen aus dem Kurs.

Mitten in der Kunsthalle steht ein großer Koffer, in dem die Rennautos des Tom Sachs wie in einer Garage stehen. Werkzeug und Ersatzteile fehlen nicht. An der Wand hängen Renntabellen, ein Wanderpokal aus Pappmaché wartet auf den nächsten Sieger des „Nutsy’s Cup“, der überall dort ausgetragen wird, wo der Künstler ausstellt. Zum Ende der Berliner Ausstellung möchte Sachs mit seinen Wagen gegen lokale Größen antreten – alle Guggenheim-Besucher, die ein Mini–Z–Car besitzen, sind zum Start eingeladen.

Eine riesengroße Spielerei. Doch wie ernst meint es der Künstler Tom Sachs? Am Eingang zur Ausstellung passiert der Besucher zunächst den ebenfalls maßstabsgetreuen Pappnachbau von Le Corbusiers Marseiller Wohnmaschine Unité d’Habitation, die berühmte Sitzgruppe aus dem deutschen Expo-Pavillon in Barcelona von Mies van der Rohe, ebenfalls in Pappe und Holz billig ausgeführt, und schließlich eine lebensgroße Kopie eines Drive-in-Schalters von McDonald’s.

Sachs ist ein großer Bastler vor dem Herrn – und seine Motivzitate sind zentrale Urbilder des auslaufenden modernen Zeitalters, die er mit Elementen der globalen Postmoderne konfrontiert. Während es bei der Moderne noch ernsthaft (erwachsen) zur Sache ging, dominiert inzwischen ausschließlich der (kindliche) Spieltrieb. Sachs selbst bevorzugt eindeutig Letzteren.

Im Museum darf also gespielt werden. Sachs’ Installation lebt, ist ein variabler Ort für Sonderveranstaltungen verschiedenster Art, darf durchwandert, bewundert – nicht aber mit bedeutungsschweren Interpretationen überfrachtet werden.

Quelle: Handelsblatt

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