Shashi Tharoor
Indien mit den Augen eines Kosmopoliten gesehen

Shashi Tharoor ist Jurist, Ökonom, Spitzendiplomat - und Literat. Jetzt bewirbt er sich um das Amt des Uno-Generalsekretärs. Mit seinen Büchern gewährt der indische Autor tiefe Einblicke in den Charakter seiner Heimat.

DÜSSELDORF "Es gibt eine einzige Antwort auf alle Ihre Fragen: Wir sind zu viele. Und wir sind zu unterschiedlich." Mit dieser Sentenz bremste ein indischer Finanzminister einst einen deutschen Journalisten aus, bevor dieser sein Interview überhaupt starten konnte. Es war ein Schock. Aber ein sehr hilfreicher. Er öffnete die Sinne, um zumindest versuchen zu wollen, Mythos und Wirklichkeit des Subkontinents zu begreifen.

Mehr als nützliche Aufklärung leistet auch Shashi Tharoor. Mit seinen Büchern gewährt der indische Autor tiefe Einblicke in den Charakter seiner Heimat. Er beleuchtet deren extreme Heterogenität: ethnisch, sozial, ökonomisch. Er schlägt Bögen zwischen Tradition und Moderne, zeigt die Spannungsverhältnisse zwischen den verschiedenen Religionen.

Der Roman "Aufruhr - Eine Liebesgeschichte" ist die Geschichte der jungen Amerikanerin Priscilla, die nach Indien, in das Land ihrer Kindheit, zurückkehrt, wo ihr Vater einige Jahre als Manager für Coca-Cola arbeitete. Sie verliebt sich in einen verheirateten Verwaltungsbeamten, was natürlich zu gesellschaftlichen und kulturellen Konflikten führen muss. Und diese stehen stellvertretend für das ganze Land.

Das Buch beginnt mit dem Tod der Protagonistin. Sie wird erstochen an einem Tag, als in Indien weitere Menschen ermordet werden: Opfer des oft blutigen Konflikts zwischen Moslems und Hindus, den das Land schon zu lange erleidet. Und nicht nur, aber auch deshalb muss das Milliardenvolk noch etwas erdulden: stets Opfer von Klischees und Vorurteilen zu sein.

Liebe spielt auch in "Bollywood" eine Rolle. Allerdings in einem völlig anderen Milieu. Es geht um Aufstieg und Fall des Schauspielers Ashok. Er verkörpert in seinen Rollen den strahlenden, edlen Helden, wie er in den meisten der in den riesigen Filmstudios in Bombay gedrehten Epen vorkommt. Sein Erfolg verändert ihn: Er kann zwischen Rolle und eigener Person nicht mehr unterscheiden. Seine Fans auch nicht. Sie stilisieren ihr Idol zu einer moralischen Institution. Und dies nutzt Ashok, um es vielen indischen Filmstars gleichzutun: Sie steigen in die Politik ein. Als aber ruchbar wird, dass Ashok nicht nur seit Jahren seine Frau betrügt, sondern auch in einen Parteispendenskandal verwickelt ist, beginnt sein Stern zu sinken.

Sicher, Skandale, Affären, Intrigen gibt es überall im internationalen Filmgeschäft. Aber Tharoor gelingt es doch anschaulich, den besonderen Charakter der Bombayer Szene zu vermitteln. "Bollywood" ist auch und gerade ein Buch über indische Gesellschaftspolitik.

Durch und durch politisch ist "Die Erfindung Indiens - Das Leben des Pandit Nehru". Aber es ist auch wieder ein Buch über die Liebe, nämlich die von Indiens erstem Premier zu seinem Volk nach der den Briten abgetrotzten Unabhängigkeit. Tharoor leuchtet aus, wie Nehru Indien auf einen sozialistischen und antiimperialistischen Kurs trimmte. Und das politische Kunststück fertig brachte, dieses Riesenland gleichzeitig nach den Regeln einer Westminister-Demokratie zu regieren.

Dies war bei der Entwicklung eines Landes, das zu den ärmsten der Welt zählte, zwar häufig hinderlich. Vom damals gewagten Aufbau eines Rechts- und Mehrparteiensystems, wie es in der Dritten Welt immer noch seinesgleichen sucht, profitiert der Atomwaffenstaat Indien bis heute, politisch und ökonomisch. Die Biografie ist eine logische Ergänzung zu dem "Großen Roman Indiens", in dem Tharoor das Leben von Nehrus Mentor Mahatma Gandhi, dem Vater der Unabhängigkeit, erklärt.

Tharoor zählt zu den großen aktuellen Literaten nicht nur seines Heimatlandes. Man spürt bei der Lektüre seiner Bücher, dass Schreiben für ihn nicht Arbeit bedeutet. Es ist sein Steckenpferd. Und er weiß, worüber er schreibt. Vor allem: Zwar eng seiner Heimat verbunden, sieht er den Subkontinent nicht nur durch die indische Brille. Tharoor ist Kosmopolit, hoch gebildet, politisch tiefgründig denkend und analysierend. 1956 in London geboren, aufgewachsen in Bombay und Kalkutta, arbeitet der Jurist und Ökonom seit 1978 bei der Uno, heute als Vize-Generalsekretär für Kommunikation.

Und dies soll nicht das Ende der Karriere sein: Er ist einer der vier aktuellen Kandidaten für die Nachfolge Kofi Annans als Generalsekretär. Ob er den Sprung schafft, als Vertrauter des von den USA wenig geschätzten Annans auch Washingtons Gunst zu gewinnen, ist offen. Es wäre aber nicht zum Schaden der Uno, wenn ein intellektueller Literat dort den Spitzenjob übernehmen könnte.

SHASHI THAROOR:
Aufruhr - Eine Liebesgeschichte
Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 2006,
331 Seiten, 9,90 Euro

Bollywood
Insel Verlag, Frankfurt/M. 2006
413 Seiten, 22,80 Euro

Die Erfindung Indiens - Das Leben des Pandit Nehru
Insel Verlag, Frankfurt/M. 2006
312 Seiten, 19,80 Euro

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