Spätgotik
Revolution in der Skulptur

Niclaus Gerhaert zählt zur Kategorie der vergessenen Genies. In der Spätgotik schuf der „Donatello des Nordens“ atemberaubende Skulpturen und aufschlussreiche Bildnisse. Frankfurt stellt sein großartiges Werk vor.
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FrankfurtVersonnen, mit geneigtem Kopf und geschlossenen Lidern lehnt er sich an eine imaginäre Brüstung. Mit der rechten Hand greift er sich ans Kinn, die linke umklammert einen schwer deutbaren Gegenstand. Eine eigenartig animierende Drehung geht durch diese Skulptur – und erfasst den Betrachter. Vor rund 550 Jahren schuf der Bildhauer Niclaus Gerhaert von Leyden aus rotem Elsässer Kalksandstein die Büste eines Mannes, die das perfekte Abbild eines Melancholikers ist. Sie könnte, hat man immer wieder vermutet, ein Selbstporträt sein.

Dieser Künstler ist ein Paradox. Er gehört zur nicht einmal sonderlich kleinen Kategorie der vergessenen Genies. Wie sonst ist es zu erklären, dass der Name Niclaus Gerhaert von Leyden, obwohl von Zeitgenossen noch Jahrzehnte nach seinem Tod ehrfürchtig genannt, heute nur noch Spezialisten etwas sagt? Und das, obwohl er die nordalpine Skulptur revolutioniert hat, wie die großartige, bezeichnenderweise erste monografische Ausstellung seines Werks im Frankfurter Liebieghaus eindrucksvoll beweist.

Rund 70 mittelalterliche Skulpturen aus Stein und Holz, vom Meister (etwa 20) und mutmaßlichen Schülern und Nachfolgern geschaffen, versammelt an einem Ort: allein das ist schon eine Großtat, für die dem Kurator Stefan Roller nicht genug zu danken ist. Endlich einmal wird anschaulich, warum ausnahmslos alle Berühmtheiten der Generation nach ihm, Veit Stoß, Tilman Riemenschneider, Michael Pacher, von Niclaus Gerhaerts künstlerischen Neuerungen profitierten. Virtuosere Spätgotik gibt es nicht.

Wer war Niclaus Gerhaert? Um zu begreifen, was es mit diesem Donatello des Nordens auf sich hat, sollte man sich vergegenwärtigen, was man alles über ihn nicht weiß. Das Stochern im historischen Nebel beginnt bei Namen und Herkunft. Meister Niclaus aus Straßburg nennen ihn Urkunden, er selbst signierte mit „nvl“ oder mit Niclaus von Leyden und gab damit vielleicht das niederländische Leiden als seinen Geburtsort preis. Vielleicht. Andere Quellen nennen ihn Niclaus Gerhaert oder Gerhaerts, was so viel wie des Gerhaerts Sohn heißt. Die Kunstgeschichtsschreibung, die sich seit hundert Jahren Niclaus widmet, konnte sich auf keine verbindliche Schreibweise einigen.

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