Stromberg-Filmkritik
Aktenordner-Chauvis, Mettwurst und Ergo-Parodie

Ein pedantischer Büro-Diktator erobert die Kinos. Trotz einiger Konstruktionsfehler dürfte „der ganze Bums“ die Fans der TV-Serie begeistern – und hoffen lassen: Eine Fortsetzung der Geschichte ist nicht auszuschließen.
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Düsseldorf„Wäre meine Oma ein Bus, könnte sie hupen.“ Bernd Stromberg streicht sich über den Bart, richtet seine Krawatte und keucht ein falsches Lachen in die Kamera. Genau das wollen die Fans der deutschen Kult-Serie hören und sehen: Ab Donnerstag ist der Leiter der Abteilung Schadensregulierung von der fiktiven Capitol Versicherungsgesellschaft in deutschen Kinos in Spielfilmlänge zu sehen.

Die Story führt die Mitarbeiter der Versicherung anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums über einige Umwege zum bunten Abend nach „Botzenburg“. Das dort organisierte Programm, bestehend aus klassischer Musik und einem Film über die verstorbenen Mitarbeiter des vergangenen Jahres, verdeckt nur notdürftig den Unmut im Unternehmen:  Wegen bevorstehender Rationalisierungen werden wohl viele Mitarbeiter ihren Job verlieren.

Doch Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst) will nicht zu den armen entlassenen Würstchen gehören und beschließt, sich bei der entrückten Vorstandsriege einzuschleimen. Mit seinen Bemühungen am bunten Abend entwaffnet er schnell den geleckt inszenierten Bürokraten-Protz und deckt die wahren Unterhaltungsbedürfnisse der Capitol-Mitarbeiter auf.

Die klassische Musik wird für den Stromberg-Wahnsinn kurzerhand abgesetzt und schnell tobt der Saal. „Schlichte Wahrheiten, schlicht verpackt“, stellt Capitol-Vorstand Klaus Klinkhammer nicht ohne Bewunderung fest – und Stromberg kommt seinem Ziel, der Jobsicherheit in der Unternehmenszentrale, näher.

Die Gemeinheiten, die Christoph Maria Herbst als Horror-Boss im kongenialen Zusammenspiel mit seinen Kollegen austauscht, haben eine große Fangemeinde gefunden. Die als „Mockumentary“ inszenierte Serie hat seit 2004 fünf Staffeln hervorgebracht und wurde mit dem Grimme-Preis und deutschen Comedypreisen ausgezeichnet.

Kein Comedy-Format hat es bisher so meisterlich wie brüllend komisch geschafft, die typisch deutsche Selbstverleugnungskultur zu entblößen, die von den gebeutelten Bürospießern täglich hilflos weggelacht und heruntergeschluckt wird.

„Stromberg – der Film“ schaut wie bereits die Serie in die Abgründe deutscher Alltagsscheußlichkeiten: Seien es verlogene Hahnenkämpfe zwischen Aktenordner-Chauvis, geruchsintensive Reisesnacks wie Mettwurst und gepelltes Ei oder der schmierige Alleinunterhalter, der seinen Karrierehöhepunkt („Ich war mal Vorband von Bernhard Brink“) nur noch im Rückspiegel sehen kann.

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Aktenordner-Chauvis, Mettwurst und Ergo-Parodie

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Konstruktionsfehler und nervige Werbung

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