Teil 1 der Empfehlungen
Lesefutter für den Strand

Wir haben die schönsten, unterhaltsamsten, wichtigsten, traurigsten, bewegendsten oder einfach die besten Bücher zusammengetragen. Gehen Sie mit uns auf die Reise durch die Ferienliteratur. Lesen Sie, genießen Sie und tauchen Sie ein in die wunderbare Welt der Bücher. Wir wünschen Ihnen viel Spaß und gute Erholung!

Helden der Niederlage

Reisen Sie in die Normandie, wo kein Apfel vom Baum fällt, der nicht auf einem Tarte de pommes landet oder zu Calvados destilliert wird? Dann nehmen Sie doch zwei Begleiter mit: Bouvard und Pécuchet. Es sind zwei Clowns: heldenhaft in der todsicheren Niederlage. Es sind die Erben tragischer Größen wie Don Quichotte und Sancho Pansa, wie Candide und Pangloss. Gustave Flaubert hat die letzten sechs Jahre seines Lebens damit verbracht, ihre Torheiten aufzuschreiben: Die beiden älteren Herren treffen sich auf einer Bank in Paris und sind auf Anhieb entzückt voneinander. Eine Erbschaft erlaubt ihnen, ihre Stellung als Schreiber aufzugeben und sich in der Normandie niederzulassen. Hier versuchen sie sich an der Landwirtschaft, dem Gartenbau, der Konservenherstellung, der Anatomie, Archäologie, Geschichte, Literatur, Spiritismus, Gymnastik, Pädagogik, Veterinärwissenschaft, Philosophie – und leider auch Theologie. Jede Disziplin studieren sie ausgiebig, um dann in der Anwendung ihr totales Fiasko zu erleben. Wohl an die zwanzig Jahre vergehen darüber. Am Ende kehren sie an ihren Schreibpult zurück. Die Erkenntnis, dass jede ausgefeilte Theorie immer dann zu einer Bauchlandung führt, wenn der unvollkommene Mensch sie Schritt für Schritt befolgt, macht „Bouvard und Pécuchet“ zur genialen Komödie. Und die Ahnung, selbst Teil dieser Komödie zu sein, lässt sich prächtig bei einem Glas Calvados vernebeln.

Oliver Stock

Pulitzer für den Pool

Mit pulitzerpreisgekrönten Romanen ist es meist so eine Sache: Sie folgen wortgewandt brillanten Gedankengängen, erzählen tiefsinnige Geschichten – und sind selten leicht und gut verdaulich für einen lauen Urlaubstag am Strand. Jeffrey Eugenides‘ 2003 ausgezeichneter Roman „Middlesex“ bildet da die erfrischende Ausnahme. Mit Esprit und einem guten Schuss Ironie erzählt Eugenides die aberwitzige Geschichte von Calliope, der Tochter griechischer US-Einwanderer, und ihrem vermaledeiten fünften Chromosom, das aus ihr zwangsläufig Cal, einen Hermaphroditen im US-Außenministerium, macht. „Ich war erst das eine und dann das andere“, stellt Cal auf den ersten Seiten lakonisch fest – und es macht, trotz des tragödienverdächtigen Stoffs, verdammt viel Spaß, ihm/ihr auf der Achterbahn der Gefühle zu folgen und alle Generationen dieser schrägen Familie kennen zu lernen.

Ulrike Heitze

Die Wahrheit über die Seeräuber

Alles Lügenhälse: Robert Louis Stevenson hat uns zwar mit seiner „Schatzinsel“ weit weg von Schulstress, Elternnerv und ernsteren Problemen geführt. Er hat in Jim Hawkins unseren wahren Helden geschaffen und uns in die Welt der Seeräuber, vergrabenen Schätze und des Kapitäns Flint entführt. Aber wie gesagt: Es war die Geschichte eines Lügenhalses. Das meint jedenfalls Björn Larsson. Und deshalb hat der schwedische Autor, Literaturprofessor, Segler und exzellente Geschichtenerzähler einem gefürchteten Piraten den Stift übergeben: Long John Silver, der einbeinige Seeräuber aus Stevensons Klassiker, darf in diesem Buch über die Hergänge auf der Schatzinsel aus seiner Sicht berichten. Er darf die Dinge zurechtrücken und dem Leser neue Einblicke in das Leben der Seeräuber geben. Sein Logbuch wird zu einer Beichte – aber auch zu einem gelungenen und spannenden Erklärungsversuch der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen selbst die Jungen unbescholtener Bürger zu gefürchteten Piraten wurden. Larsson ist dieses Kunststück geglückt: Er adaptiert Stevensons großen Roman, gibt ihm eine neue Erzählebene und schafft durch die Perspektivenverschiebung etwas Neues, Großes. „Long John Silver“ ist ein gelungenes Buch, nicht nur wegen der ungewöhnlich gut umgesetzten Idee, einen Klassiker als Vorlage für ein neues Werk zu nehmen. Björn Larsson hat mittlerweile in vielen Romanen bewiesen, dass er noch immer zu Unrecht im Schatten seiner deutlich bekannteren schwedischen Schriftstellerkollegen steht.

Helmut Steuer

Kriminelle Machenschaften

Wenn im scheinbar beschaulichen Münster gelogen, betrogen und gemordet wird, schaut die Fernsehnation besonders gern zu: Der Münster-Tatort im Ersten protzt ebenso mit hervorragenden Quoten wie die Wilsberg-Krimis des ZDF. Doch wer den Münsteraner Privatdetektiv, erfunden vom ehemaligen Stadt-Magazin-Journalisten Jürgen Kehrer, nur samstagabends im Fernsehen verfolgt, kennt nicht den wahren Wilsberg. Der hangelt sich mittlerweile in fünfzehn Lokalkrimis aus dem Dortmunder Grafit Verlag als von Neurodermitis und Schwermut geplagte, zu Beginn im Alkoholismus versinkende, westfälische Philip-Marlow-Variante entlang des Existenzminimums. Seine Fälle sind eine willkommene Abwechslung, verglichen mit der klassischen Krimikost: Grundstücksspekulationen, Waffengeschäfte eines Mittelständlers, Eifersüchteleien unter Universitätsdozenten, Tierversuche bei einem Biotech-Start-up oder miese Intrigen im Bundestagswahlkampf. Große Spannungsliteratur? Nein, aber gepflegte Unterhaltung für einen Nachmittag am Strand, wenn man in einem Krimi nicht unbedingt immer eine Leiche braucht. Besonders empfehlenswert für die Ferien sind diese Wilsberg-Bände: „Und die Toten lässt man ruhen“, „Wilsberg und die Wiedertäufer“, „Wilsberg und die Schloss-Vandalen“, sowie „Wilsberg und die Malerin“.

Thomas Knüwer

Liebe in den Zeiten des Betrugs

Martin Suter gehört nicht zu denen, die sich am Wohlklang ihres eigenen Wortrausches betören wie so viele junge Autoren in Deutschland. Der Schweizer erzählt eine Geschichte. Genau, spannend, fast möchte man sagen: kühl und lakonisch. Dabei geht es um eine Liebesgeschichte: David liebt Marie. Um sie zu beeindrucken, gibt sich der junge Kellner als Schriftsteller aus. Mit einem zufällig entdeckten Manuskript eines unbekannten Autoren steigt David im Literaturbetrieb unaufhaltsam auf. Er erobert die Lektoren und die Leser, obwohl er eigentlich nur Marie erobern wollte. Liebe und Erfolg in den Zeiten des Betrugs enden schließlich mit Erpressung und Verlust. Suters Geschichten sind so sauber konstruiert und so überraschend angelegt, wie wir es sonst nur von englischsprachigen Autoren wie Paul Auster oder Jonathan Franzen kennen. Im deutschen Sprachraum beherrschen nur noch wenige Schriftsteller, wie Marcel Reich-Ranicki zu Recht immer wieder beklagt, die Kunst des großen Spannungsbogens wie Suter. Sicher gibt es sprachmächtigere Autoren, sicher gibt es auch experimentierfreudigere Literaten als ihn. Aber seine Romane sind im allerbesten Sinne gute Erzählungen, die uns niemals langweilen und uns niemals mit einem billigen Happy End enttäuschen. Irgendetwas bleibt bei Suter am Schluss immer offen, auch darin ist er Paul Auster nicht unähnlich. Nach der Lektüre von „Lila, Lila“ warten wir eigentlich auf eine Fortsetzung. Wir wollen wissen, wie es David und Marie weiter ergeht. Glücklicherweise werden wir es nicht erfahren.

Bernd Ziesemer

Steffen trifft Claudia

Viele Leser blicken verwundert auf die Autorenzeilen und fragen sich, wie kann man eine Liebesgeschichte zu zweit schreiben – funktioniert das überhaupt? Es klappt offensichtlich sogar ganz gut. Man merkt dem Buch „Treibsand“ nicht an, dass es von zwei Autoren verfasst wurde. Vielleicht deshalb, weil die Geschichte aus Männersicht erzählt wird und sich so jeder gleich gut einbringen konnte. Wie auch immer: Steffen lernt auf einer der zahllosen eher langweiligen Partys in Hamburg Claudia kennen, die für ihn schnell mehr bedeutet als nur eine Bekanntschaft für eine Nacht. Dummerweise macht sich das Mädel jedoch schon am nächsten Morgen wieder aus dem Staub. Steffen gibt die Hoffnung aber nicht auf. Die Geschichte spiegelt das ungezwungene Leben zwischen Zwanzig und Dreißig wider, in der sich alle auf der Suche befinden – nach einem Partner und dem richtigen Beruf.

Hans Schürmann

Scheinbar unbesiegbar

Versuchen Sie nie, die Tour de France zu gewinnen, solange Lance Armstrong am Start ist. Er wird es nicht zulassen. Auch Jan Ullrich musste dies mehrfach erfahren. Im neuen Buch von Armstrong ist nachzulesen, warum das so ist. Er ist ein Kämpfer und egal, ob er gegen seine Gegner im Rennen oder gegen die Krankheit Krebs kämpft, er will und wird gewinnen. Davon ist er überzeugt. Detailliert schildert der Tour-de-France-Gewinner der vergangenen fünf Jahre seine Vorbereitung auf die Rennen nach seinem ersten Tour-Sieg und gewährt einen Blick hinter die Kulissen des Radrennsports. Doch Armstrongs eigentliches Thema bleibt auch in seinem zweiten Buch der Krebs. Für ihn war die Krankheit „das Beste, was mir passieren konnte“. Sollte er zwischen Tour-Sieg und Krebs wählen, so würde er sich für den Krebs entscheiden. Und tatsächlich entsteht das Bild eines Mannes, der erst durch die Grenzerfahrung Krebs angefangen hat, bewusst zu leben. „Jede Sekunde zählt“ ist ein spannendes Buch für Leser, die wissen wollen, wie dieser scheinbar unbezwingbare Lance Armstrong denkt und lebt. Gleichzeitig ist es eine gute Vorbereitung auf die Tour de France 2004. Denn in diesem Jahr will Armstrong die Tour zum sechsten Mal gewinnen, und wieder einmal will er etwas schaffen, was noch keinem Menschen vor ihm gelungen ist.

Roland Julius Endert

Von Tschechen und Deutschen

Nicht einmal dreihundert Seiten braucht Peter Glotz in seinem Werk „Die Vertreibung“, um eine der heiligsten Kühe des Völkerrechts zu zerlegen. Triebfeder zahlreicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit, glaubt er, sei das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“. Sein Beleg dafür ist gleichzeitig Untertitel des von Ullstein publizierten Buchs: „Böhmen als Lehrstück“. Glotz, Kommunikationswissenschaftler, Publizist und lange Jahre Politiker, ist selbst 1939 in der tschechischen Grenzstadt Cheb (Eger) geboren. Zum Kriegsende flüchtete er mit seiner Mutter in das nahe Deutschland. Glotz zeichnet die Zerstörungskraft des Nationalismus nach. Sein Buch liefert aber weit mehr als die historische Beschreibung von Gräueltaten, mit denen sich Tschechen, Deutsche, Juden, Ungarn und Slowaken über Jahrhunderte hinweg in der Mitte Europas gegenseitig quälten. Es verweist auf aktuelle Parallelen im Nordosten der Türkei, auf dem Balkan oder im Kongo. Und es macht deutlich, weshalb die Tschechen dem „Vielvölkerstaat“ Europäische Union heute so skeptisch gegenüberstehen.

Christoph Schlautmann

Schönheit vom Lande und ihre Träume

„Elf Minuten, das ist die durchschnittliche Zeit, die ein Geschlechtsakt in Anspruch nimmt.“ Zu diesem nüchternen Schluss kommt die Prostituierte Maria. Die Geschichte dieser brasilianischen Frau könnte den Plot für eine schnulzig- kitschige Telenovela liefern: Schönheit vom Lande träumt von der großen weiten Welt. Sie wird Sambatänzerin in einem Genfer Nachtlokal und schließlich Prostituierte – weil das auf Dauer mehr Geld bringt. Er habe schon immer ein Buch über die Sexualität schreiben wollen, schreibt Paulo Coelho im Nachwort zu „Elf Minuten“. Und in der Tat mangelt es auf den gut 280 Seiten nicht an drastischen Szenen. Selbst eine SM-Nacht lässt der Autor dabei nicht aus. Von seelischem oder körperlichem Leid der Prostituierten fehlt in dem Buch dagegen jede Spur. Doch Coelho wäre nicht der Moralist, der er ist, wenn er sich mit der einfachen Story einer glücklichen Hure begnügen würde. Er ist auf der Suche nach der Liebe in der Sexualität. Und die findet natürlich auch seine Maria – in einem schwülstigen Happy End, das zu einem Märchen passt. Leidenschaft und Liebe gehören eben in Paulo Coelhos Welt zusammen. Immerhin: In seinem jüngsten Werk winkt der Brasilianer mit seinem stets mahnenden Zeigefinger nicht so aufdringlich wie noch im „Alchimisten“. Sein Buch „Elf Minuten“ ist ein modernes Märchen über eine junge Frau, die gezwungen ist, sich ihre Träume selbst zu verwirklichen.

Susanne Wesch

Die Krisen der Demokratie

Es ist ein beunruhigendes Bild, das Ralf Dahrendorf, der große alte Mann des Liberalismus, im Interview mit dem italienischen Journalisten Antonio Polito zeichnet. Die Demokratie mit ihren drei Funktionen – gewaltfrei einen Machtwechsel zu ermöglichen, die Regierenden effektiv zu kontrollieren und dem Volk eine Stimme im politischen Prozess zu verleihen – befindet sich inmitten einer tief greifenden Krise. Die Bürger fühlen sich machtlos und von ihren Regierungen nicht mehr repräsentiert. Hauptgrund dafür ist der Niedergang der Nationalstaaten und daraus folgend der Parlamente. Eine wachsende Zahl von Entscheidungen muss heute an supranationale Institutionen, die demokratisch nicht legitimiert sind, abgegeben werden. In dieser komplexen Situation empfiehlt Dahrendorf eine starke Betonung der liberalen Prinzipien – vor allem der „rule of law“ – um gute Regeln zu entwickeln, die einen Machtmissbrauch verhindern. Die drängendste Frage bleibt aber eine angemessene Beteiligung des „Demos“ an den politischen Prozessen. Dahrendorfs Schlussfolgerung klingt gleichwohl ermutigend: „Nach der Demokratie müssen und können wir eine neue Demokratie schaffen.“

Marcello Berni

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