Verlage und Buchhändler
Raus aus der Talsohle

In diesem Jahr fahren Verleger und Buchhändler wieder mit etwas mehr Zuversicht zur Leipziger Buchmesse. Sorgen machen ihnen die schnell wachsenden Buchhandelsketten.

HB DÜSSELDORF. "Wir blicken mit leichtem Optimismus in die Zukunft. Wir erwarten ein ähnlich positives Ergebnis wie im Vorjahr", sagte Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, dem Handelsblatt. Bereits im vergangenen Jahr wuchs der Umsatz nach Branchenschätzungen um ein Prozent. Die Jahre zuvor waren von Stagnation und sogar Umsatzrückgängen geprägt. "Ich glaube nicht, dass es nach unten oder nach oben große Überraschungen geben wird", sagte der Verlagsmanager. Zu Jahresbeginn jedenfalls ging der Trend nach oben. Im klassischen Buchhandel, in Warenhäusern und über das Internet wurden mehr als vier Prozent mehr Bücher verkauft als im Jahr zuvor.

Branchenbeobachter wie Boris Langendorf ("Langendorfs Dienst") rechnen mit einem moderaten Wachstum zwischen "null und zwei Prozent". Und auch die meisten Verlage geben sich optimistisch. "Wir haben hohe Erwartungen an das Jahr 2006", sagte Karlheinz Jungbeck, Sprecher der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Lübbe. "Im laufenden Geschäftsjahr erwarten wir einen höheren Gewinn und einen höheren Umsatz." Der Verlag setzt vor allem auf die Taschenbuchausgabe des Bestsellers "Sakrileg" von Dan Brown, die Anfang April erscheint. Gedämpft optimistisch äußert sich auch Frank Rainer Max, Chef des Stuttgarter Reclam-Verlags. "Es geht ein bisschen aufwärts, ohne dass wir gleich in Jubel verfallen."

Zwei Trends werden die Umsatzzahlen der Branche in diesem Jahr dominieren. Im Juli wird der neue Duden erscheinen, der nach den langwierigen Diskussionen um die Rechtschreibreform ein Renner werden dürfte. Im Herbst könnte es einen statistischen Effekt geben, der sich negativ auf das Umsatzwachstum auswirkt. Der Grund dafür heißt Harry Potter, der zum Ende des vergangenen Jahres die Umsätze nach oben trieb und in diesem Jahr fehlen wird.

Sorgenvoll blicken Verleger auf das starke Wachstum der großen Buchhandelsketten - ein Trend, der sich nach Expertenmeinung weiter fortsetzen wird. "Die Konzentration im Handel wird mit Akteuren wie Thalia, Hugendubel, Amazon und Weltbild weitergehen", prognostiziert Börsenverein-Chef Honnefelder. Die Buchhandelskette Thalia, eine Tochter des Handelskonzerns Douglas, fährt seit Jahren einen aggressiven Wachstumskurs mit der Gründung von Buchkaufhäusern und Zukäufen. Erst in dieser Woche gab Thalia bekannt, in Berlin im Shoppingcenter Alexa eine Filiale mit 2 000 Quadratmetern zu eröffnen. Zu Jahresbeginn hatte das Unternehmen bereits die Gondrom-Gruppe mit 26 Buchhandlungen übernommen.

Im vergangenen Geschäftsjahr wuchs der Umsatz von Thalia noch einmal deutlich auf insgesamt 516 Mill. Euro. In Deutschland verfügt der Branchenprimus aber nach eigenen Angaben nur über einen Marktanteil von rund fünf Prozent. Der Börsenverein als Verband der Händler und Verleger sieht darin keine Gefahr. "Auch die Buchbranche lebt nicht auf einer Insel der Seligen", sagt Honnefelder. Im Vergleich zu anderen Handelsbranchen, aber auch im internationalen Vergleich ist die Marktkonzentration relativ gering, sind sich Experten einig.

Kleine und mittlere Händler geraten aber dennoch unter Druck. So schließt in Darmstadt der Buchhändler Eckart Schlapp angesichts der Eröffnung eines Buchkaufhauses von Thalia im Sommer seinen Laden. Der Fall könnte sich noch häufiger wiederholen. Vor allem die traditionellen Buchhändler haben es schwer im Kampf gegen die Filialisten, die es immer weiter auch in die Vororte treibt. Auch der frühere Börsenverein-Chef Dieter Schormann gab seine Gießener Buchhandlung im Wettbewerb mit Thalia vor Monaten auf. Die kleinen und mittleren Händler müssten sich daher etwas einfallen lassen, empfiehlt Honnefelder seinen Mitgliedern. Sie müssen sich verstärkt auf ihre Vorteile besinnen wie etwa Beratung und andere Kompetenzen."

Wie im Handel schreitet auch die Konsolidierung bei den Verlagen voran. Die Kaufunlust der Leser und der damit verbundene Sparkurs der Verlage fördert die Marktkonzentration. Davon profitieren große Konzerne wie Random House. Erst im Herbst vergangenen Jahres erwarb der weltgrößte Buchkonzern von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" die Buchverlage Deutsche Verlagsanstalt (DVA), Manesse und Kösel. Börsenvereinchef Honnefelder sieht in der Konzentration bei den Verlagen aber kein Problem, weil die kleineren Verlage mit ihren Innovationen den Markt bewegten. "Ihre Kraft im Buchmarkt ist größer, als wir glauben", sagt er.

Doch nicht alle Buchverlage bewältigen die schwierige Lage. Nach 177 Jahren schließt der Stuttgarter Reclam-Verlag ausgerechnet seinen alten Standort in der Buch- und Messestadt Leipzig. Das Familienunternehmen zieht sich im April aus Kostengründen endgültig aus der sächsischen Metropole zurück - für die Buchstadt Leipzig ein schwerer Schlag. Bereits vor drei Jahren hatte der Gustav Kiepenheuer Verlag die Stadt verlassen. Reclam gehörte bisher zu Leipzig wie die Buchmesse im Frühjahr. In der sächsischen Metropole hatte 1828 Anton Philipp Reclam den Verlag gegründet.

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