Kultur + Kunstmarkt
Von Kaffeehändlern und Entführern

Weg vom Strand, zurück an den Schreibtisch – wie soll das klappen? Zum Beispiel mit der richtigen Spätsommerlektüre. Das Weekend Journal gibt Lesetipps für . . .

... Startup-Gründer und -Geldgeber

Miguel Lienzo steckt seine Nase in die große Tasse mit der tiefschwarzen Flüssigkeit. „Sieht aus wie Teufelspisse“, sagt er abfällig und probiert doch. Es ist Kaffee. Ein Schluck des Gebräus wird das Leben des Börsenhändlers von Grund auf ändern. Von Amsterdam aus trat die Kaffeebohne Mitte des 17. Jahrhunderts ihren Siegeszug durch ganz Europa an. Grund genug für David Liss, diese Erfolgsstory in einen Roman zu verpacken. „The Coffee Trader“ erzählt die Geschichte von Miguel Lienzo, der vor der portugiesischen Inquisition flieht und in der weltoffenen holländischen Großstadt sein Glück machen will. Als Jude, als Börsenhändler und als Liebhaber.

Miguel erhält Kapital von einer holländischen Witwe, sucht Partner, gerät in finstere Intrigen, aber verdient auch seine ersten Meriten im wachsenden Kaffeehandel. Börsianern wird vieles bekannt vorkommen, denn einige Business-Strategien wurden vor 350 Jahren in Holland erfunden. Schon damals konnte man über Nacht alles verlieren oder auf den Gipfel kommen. Der 36-jährige Autor, der mit dem Debüt „Die Papierverschwörung“ einen Bestseller landete, versucht, viel zu viel Stoff unterzubringen. Er will die Geschichte des Judentums erzählen, Miguels privates Schicksal verfolgen und Wirtschaft und Handel in Hollands Goldenem Zeitalter skizzieren. Allerdings: Alles ist bestens recherchiert, denn der amerikanische Historiker hat lange in Amsterdams Archiven gewühlt.

Bei so viel Material dauert es 50 Seiten, bis Liss in Fahrt kommt, zumal er noch eine zweite Erzählebene einführt: die Memoiren von Lienzos Geschäftspartner Alonzo Alferonda. Weniger wäre da mehr gewesen. David Liss besetzt mit seinen Romanen einen Nischenplatz in der historischen Literatur: Handel und Finanzen statt Ereignisse und Entdeckungen. Und vor allem: einen Blick zurück in eine Zeit, da es auch ohne das Internet schon Startups gab. Nur damals hießen sie anders. Ein Buch für Gründer und solche, die es gerne werden würden. David Liss: The Coffee Trader. Random House, New York 2003, 390 S., 9,20 Euro

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