Vorwurf der „PR-Maßnahme“
Grass darf Nobelpreis behalten

Um seinen Literatur-Nobelpreis muss Günter Grass, der vor wenigen Tagen seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS zugegeben hat, nicht bangen. Das hat das Nobel-Stiftung zugesichert. Um seinen Ruf in Deutschland und in der Welt allerdings schon, denn die Kritik reißt nicht ab.

HB FRANKFURT/MAIN. „Die Entscheidungen sind endgültig, und es ist noch nie vorgekommen, dass ein Preis wieder entzogen wurde“, sagte der Direktor der Nobel-Stiftung, Michael Sohlman. Die schwedische Akademie, die den Preis verleiht, gab zu dem Thema keine Stellungnahme ab. Derweil ging die kontroverse Debatte um Grass' SS-Geständnis unvermindert weiter.

Erneut forderte der CDU-Politiker Wolfgang Börnsen Grass auf, den Preis zurückzugeben. „Da Sie Ihre Auszeichnung stets auch als unbeugsamer Moralist und nicht nur als hervorragender Erzähler erhalten haben, wäre es ein Akt tatsächlicher Honorigkeit, aus eigener Einsicht von diesen Ehrungen zurückzutreten“, schrieb in in einem Brief an den Nobelpreisträger.

Auch Schriftsteller Maxim Biller verlangte: „Wenn Grass meint, unbedingt aus der Reserve kommen zu müssen, dann sollte er auch dafür bezahlen.“ Schließlich hätte er den Preis niemals bekommen, wenn bekannt gewesen wäre, was jetzt bekannt geworden sei.

Der Kulturbeauftragte der Bundesregierung, Bernd Neumann, sagte, Grass' literarisches Werk bleibe zwar bestehen. „Aber als moralische Instanz, als die er sich selbst immer sah, hat er Schaden genommen“, kritisierte der CDU-Politiker.

Günter Grass: Bilder eines Schriftstellerlebens

Zuvor hatte bereits der Zentralrat der Juden den 78-Jährigen scharf kritisiert. Das späte Geständnis lege die Vermutung nahe, dass es sich um eine PR-Maßnahme zur Vermarktung seines neuen Buches „Beim Häuten der Zwiebel“ handele, sagte Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch. „Sein langjähriges Schweigen über die eigene SS-Vergangenheit führt nun seine früheren Reden ad absurdum.“

Auch der Historiker und CDU-Politiker Christoph Stölzl vermutet hinter dem späten Geständnis Medienkalkül. Dass ihn sein Gewissen zu dem Geständnis gezwungen habe, glaube niemand, der sich mit dem Verhältnis von Literatur und Moral auskenne, sagte der frühere Berliner Kultursenator.

Für die SPD bleibt Grass dagegen ein „wichtiger politischer Gesprächspartner“, wie Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse sagte. Grass sei immer ein wichtiger und kritischer Unterstützer der SPD gewesen. Man dürfe ihn jetzt nicht wie einen Aussätzigen behandeln. Der PDS-Politiker Gregor Gysi sagte, es solle respektiert werden, dass sich Grass ohne äußeren Druck erklärt habe.

Auch der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski nahm den Nobelpreisträger in Schutz. Für das Bekenntnis müsse man Grass Respekt zollen. Dieser wisse, dass er damit in einer kurzatmigen Öffentlichkeit seinen Ruf ruinieren könne. Grass könne nicht aus kommerziellem Kalkül gehandelt haben, weil es ihm um die Ehre gehe.

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Magazins „Stern“ ergab unterdessen, dass Grass nach Ansicht der großen Mehrheit der Bundesbürger seinen Literaturnobelpreis nicht zurückgeben soll. 87 Prozent lehnen dies ab. Acht Prozent der Befragten meinten, dass Grass die Auszeichnung abgeben soll.

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