Walter Wittmann
Eine Warnung vor der nächsten Krise

Walter Wittmann ist ein Liberaler mit festen moralischen Grundsätzen. Mit seinem Buch "Finanzkrisen" liefert der überzeugte Ordoliberale eine interessante und leicht lesbare Analyse bisheriger Wirtschaftskrisen. Wesentliche Zukunftsfragen bleiben leider unbeantwortet.
  • 0

DÜSSELDORF. Walter Wittmann hat ein klares Weltbild. Der emeritierte Schweizer Wirtschaftsprofessor orientiert sich, wie er in seinem Buch mit dem schlichten Titel „Finanzkrisen“ (Orell-Füssli-Verlag) bekennt, am Ordoliberalismus. Also an jener Lehre, die mit Namen wie Walter Eucken und Alfred Müller-Armack verbunden ist und die gerade in den Gründerjahren der Bundesrepublik bis hin zu Ludwig Erhard eine große Rolle gespielt hat. Dieser Liberalismus ist, daran lässt Wittmann keinen Zweifel, verbunden mit festen moralischen Grundsätzen und einer klaren, deutlich definierten Aufgabenverteilung zwischen Unternehmen und Staat. Wittmann liefert sogar den psychologischen Unterbau mit: „Die Gier ist immer das Ergebnis einer inneren Leere“, zitiert er Erich Fromm. Dieser Liberalismus ist nicht zu verwechseln mit der Art von Neoliberalismus, der auf die schrankenlose Kreativität der Märkte vertraute, wenig bis nichts vom Staat hielt und mit Moral nichts anfangen konnte – und so die Finanzkrise mit heraufbeschworen hat.

Wittmann liefert eine sehr konzentrierte, schnell und leicht lesbare Geschichte nicht nur der gegenwärtigen, sondern auch der vorausgegangenen Finanzkrisen, angefangen von den berühmten Tulpenzwiebeln im 17. Jahrhundert über weitere Zusammenbrüche im 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Krisen nach dem Krieg arbeitet er weniger historisch auf, sondern behandelt sie im Zusammenhang seiner analytischen Überlegungen.

Wittmann sucht übereinstimmende Grundmuster, kommt dabei aber, wenn er sich aufs politische Gleis wagt, auch zu fragwürdigen Thesen. So schreibt er über die Ursachen des Nationalsozialismus, die Geschichtsschreibung gehe „zumindest dominant von einem europäischen Desaster“ aus. Ohne die „Finanz- und Wirtschaftskrise, die aus Amerika kam“, wäre der Welt dieses Regime aber wahrscheinlich erspart geblieben, man dürfe die Amerikaner daher nicht „außen vor“ lassen. Da fragt man sich doch, was Wittmann uns sagen will. Sind die Amerikaner jetzt auch noch am Nationalsozialismus schuld? Das wäre absurd.

Wittmann schlägt in seinem Buch recht pessimistische Töne an. Er befüchtet nicht nur, dass schon bald die nächste Finanzkrise folgt. Seiner Meinung nach wird es beim nächsten Mal zum wirklichen Desaster kommen, das diesmal so gerade noch abgewendet werden konnte. Doch er verspricht Abhilfe: Die Welt sollte die Grundsätze des von ihm vertretenen Liberalismus beherzigen. Spätestens hier verliert das Buch an Substanz. Der Autor betet zunächst einen Katechismus über Privatisierungen, die Vorzüge des Wettbewerbs und die Nachteile von Subventionen herunter, dem man Glauben schenken mag – aber der Bezug zur Finanzkrise ist nicht nachvollziehbar. Dann schlägt er ein paar sehr konkrete, aber auch sehr simple Regeln vor, zum Beispiel das Verbot, auf Pump zu spekulieren, das Verbot von Verbriefungen und das Verbot von Leerverkäufen. Nur: Ausgangspunkt der heutigen Krise waren ja spekulative Immobilienkäufe. Sollten wir also Baukredite abschaffen? Da bleiben am Ende viele Fragen offen.

Kommentare zu " Walter Wittmann: Eine Warnung vor der nächsten Krise"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%