Wie viele seiner jungen Kollegen legt Filmemacher Konstantin Faigle die depressiven Deutschen auf die Psychocouch
Die Deutschen im Jammertal?

Was sind wir doch für ein bedauernswertes Völkchen! Eine stagnierende Wirtschaft, fast fünf Millionen Arbeitslose, Hartz IV, die verpatzte Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Jahr und ein mieser Sommer, der uns mehr Regen als Sonne bringt! Und nun ziehen auch noch deutsche Jungregisseure über unsere Misere her. Sie machen sich lustig, bieten Erklärungsversuche an, jedoch keine Lösungen.

Allein die Titel dieser Filme sagen alles. „Muxmäuschenstill“ waren wir noch, als Marcus Mittermeier und Jan Henrik Stahlberg die fatalen Folgen einer Ich-AG aufzeigten. Danach hieß es „Schultze Gets The Blues“, und jeder konnte sofort nachfühlen, wie es einem Frührentner gehen muss, der plötzlich auf der Straße sitzt und mit seinem Leben nichts mehr anzufangen weiß.

„Die fetten Jahre sind vorbei“, meinte Hans Weingartner, als er in seinem gleichnamigen Film auf die ungerechte Verteilung von Geld und Gütern hinwies. „Weltverbesserungsmaßnahmen“ mussten her, und so präsentierte das Regie-Trio Jakob Hüfner, Jörn Hintzer und Tom Schreiber komische Beispiele, wie der Einzelne selbst aus seinem Dilemma herauskommen könnte.

Aber es hilft nichts, in Deutschland herrscht „Die große Depression“ – so schätzt zumindest Regisseur Konstantin Faigle in seinem Dokumentarfilm die Lage der Nation ein. „Den Ausschlag zu diesem Film hat die Ankunft meines Kindes gegeben. Als von Friedrich Merz die Aussage kam, dass umgerechnet auf jedes deutsche Kind 16 500 Euro Schulden kommen, habe ich mir ernsthafte Gedanken gemacht, was in unserem Land überhaupt los ist.“

Wir Deutschen sind ein Volk der Jammerer, pessimistisch, depressiv und stets mies gelaunt. Waren wir das schon immer, oder hat die wirtschaftliche und politische Entwicklung der letzten Jahre uns erst so weit gebracht?

Faigle nähert sich dieser Frage aus vielen verschiedenen Richtungen, auch aus einer persönlichen. „Ich will mich da nicht ausnehmen. Ich habe an mir selbst gemerkt, wie verstimmt ich bin. Vielleicht ist das wirklich eine Eigenart von uns Deutschen“, meint der 34-jährige Schwabe.

Doch wie seine Kollegen vor ihm begegnet auch er den bierernsten Themen mit Hohn und Spott, wenn etwa vor laufender Kamera deutsche Spießer vorgeführt und Montagsdemonstranten gereizt werden.

„Selbstironie könnte der erste Weg zur Besserung sein“, meint Faigle. „Wir sind in allem sehr gründlich, selbst wenn es um unsere Schwermut geht. Das bringt uns jedoch nicht weiter. Ich nenne es Energie-Verschwendung, sich nur aufs Negative zu konzentrieren. Lachen wir lieber mal über uns selber, vielleicht packen wir die Dinge dann ein bisschen lockerer an.“

Nur wer lässt sich wohl auf einen Film ein, der sich „Die große Depression“ nennt? Impliziert der Titel nicht sofort etwas Sorgenvolles, wovon der Deutsche zumindest im Kino in Ruhe gelassen werden will?

„Schultze Gets the Blues“ (500 000 Zuschauer) und „Die fetten Jahre sind vorbei“ (847 000 Zuschauer) waren Achtungserfolge, aber mit den millionenschweren Einspielergebnissen leichter Komödienköstlichkeiten wie „Die sieben Zwerge – Männer allein im Wald“ (6,7 Mill. Zuschauer) und „(T)Raumschiff Surprise“ (9,2 Mill. Zuschauer) lässt sich das natürlich nicht vergleichen.

In schlechten Zeiten ist nun mal Schenkelklopfer-Humor angesagt, und für viele gilt: Bloß nicht nachdenken, wenn man erst mal im Kinosessel sitzt. „Ja, wir könnten ruhig etwas mehr Humor mit Tiefsinn gebrauchen“, glaubt Faigle.

Er ist ganz glücklich, dass sich „Die große Depression“ rechtzeitig vor den Neuwahlen auf der Leinwand ausbreitet: „Der Film trifft zurzeit den richtigen Nerv. Eine Lösung habe ich allerdings nicht parat. Wenn es mir gelingt, die Zuschauer zu unterhalten und zum Nachdenken anzuregen, habe ich mein Ziel erreicht.“

Könnte ja sein, dass die satirische Herangehensweise all dieser Filme helfen könnte, die große Depression zu therapieren. Der Patient freilich sucht stets nach der Wunderpille, die seine Sorgen von einer Minute zur anderen verschwinden lässt.

Möglicherweise führt ein politischer Wechsel das Wunder herbei? Faigle lacht: „Das kann ich mir kaum vorstellen. Klar werden mit einem Wechsel neue Hoffnungen geweckt, die wiederum zu Enttäuschungen führen, und schon ist das Gejammer wieder da. Nein, die große Depression ist in Deutschland ein Dauerbrenner, daran wird sich durch eine Wahl nichts ändern.“

Konzentrieren wir uns auf die eigene Depression, die jeder selbst therapieren kann. Was kann ich für mich verändern, um aus dem Stimmungstief herauszukommen? Darum geht es letztendlich in jedem dieser Filme: Schultze entdeckt im Radio den musikalischen Blues und wandert nach Amerika aus.

Die drei Jugendlichen aus „Die fetten Jahre sind vorbei“ werden zu Rebellen und brechen in Villen ein. Nicht um die Reichen zu beklauen, sondern um mit provozierenden Sprüchen an den Wänden Denkzettel zu verpassen. Die Protagonisten aus „Weltverbesserungsmaßnahmen“ entwickeln eigene Konzepte wie das „Leihbruderprogramm“ oder das „Do-It-Yourself-Ärzteteam“. Und selbst Konstantin Faigle gewinnt durch die Geburt seines Kindes den Frohsinn wieder.

Obwohl sich die neuen Filmregisseure sehr idealistisch geben, sind sie eben Deutsche und damit einer eventuell angeborenen Tragik verfallen: Schultze findet im Land der unbegrenzten Möglichkeiten den Tod. Der Antiheld aus „Muxmäuschenstill“ leidet immer mehr an Selbstüberschätzung und wird zum Verbrecher. „Die große Depression“ ist auch nach 88 Kinominuten nicht vorbei. Und draußen regnet es wieder. Man könnte glatt denken, wir lebten in Afghanistan ...

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