Die Shortlist
Liaison zwischen Kultur und Ökonomie

Vier Experten fordern eine Neuordnung der Kultursubventionen.
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Düsseldorf.Es gibt in Deutschland etwa 400 öffentlich geförderte Bühnen: Opern, Theater, Nationaltheater, Staatsbühnen, Kommunaltheater, Landestheater, Stadtopern, Landesopern, Staatsopern. Dazu kommen 5 000 Museen, außerdem 8 500 Bibliotheken sowie rund 1 000 Volkshochschulen und Musikschulen. Neun Milliarden Euro geben Städte, Kreise, Länder und Bund jährlich dafür aus. Dafür, dass die Auslastung häufig eher dürftig ist. 580 000 Besucher verloren die deutschen Bühnen zuletzt in einer Spielzeit.
Da kann etwas nicht stimmen, sagen Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz. Sie sind die Autoren von "Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche".

Deutschland soll Kulturbetriebe schließen
Über kaum ein Buch wurde im Frühjahr so emotional diskutiert wie über das der vier Kulturexperten. Und genau das war es, was die Autoren wollten. Sie hatten deshalb ihrem Buch den wertenden Untertitel "Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubventionen" gegeben. "Wir haben dieses Denkmodell formuliert, um eine Debatte darüber zu provozieren, nach welchen Kriterien wir bei stagnierenden Etats welche Institutionen fördern sollten", sagt Dieter Haselbach. Und wie provoziert man am besten? Mit möglichst eingängigen, einfachen und zugleich polarisierenden Thesen. Ihr Vorschlag: Deutschland solle die Hälfte seiner Kulturbetriebe schließen. Das so frei werdende Geld solle in die übrigen Einrichtungen investiert und diese so gestärkt werden. Wochenlang bestimmte die Forderung der vier Autoren die Feuilletons, sie wurden als "schlechte Patrioten" oder "Club ergrauter Kulturfunktionäre" beschimpft. Dabei plädierten sie nicht für weniger Geld für Kultur, wie ihnen häufig unterstellt wurde, sondern für weniger vom immer gleichen Angebot auf Deutschlands Bühnen. Klasse statt Masse. Doch wer sollte entscheiden, wo das eine und wo das andere geboten würde, wo also konkret ein Haus geschlossen werden sollte? Das wollen die Autoren auch nicht verantworten.
Was sie geben wollen, sind Denkanstöße. In einer kurzweiligen, klar geschriebenen Analyse plädieren die Autoren zu mehr ökonomischem Sachverstand auch in der Kultur. Sie versuchen zu eruieren, wie sich eine solche Subventionitis entwickeln konnte, entlarven den Mythos von der "Kultur für alle" als ein "Kultur für überall". Häufig gehe das Gebotene an den Bedürfnissen der Menschen vorbei, fehle der Mut zur Modernisierung. Stattdessen seien viele Kulturbetriebe heute zu Apparaten mit behördenähnlichen Zügen verkommen, deren oberstes Ziel die Bestandswahrung sei.
Dabei beanspruchen die Autoren nicht für sich, die Patentlösung präsentieren zu können. Ihr Ziel war es, neue Blickwinkel auf das Thema zu eröffnen, neue Diskussionen anzuzetteln. Das ist ihnen gelungen.

Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz:

Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche

Knaus, München 2012, 288 Seiten, 19,99 Euro.

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