Shortlist Wirtschaftsbuchpreis: Marx - Der Unvollendete
Comeback des Weisen aus Trier

Eine neue Biographie von Jürgen Neffe stilisiert Karl Marx zum Jahrhundertdenker. Sie zeigt aber auch die ambivalenten Seiten des Bonvivants mit dem Rauschebart.
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BonnEr sitzt seit ungefähr 170 Jahren auf der Anklagebank der Geschichte. Früh trieb die Obrigkeit den 1818 in der Moselstadt Trier Geborenen ins Exil. Jahrzehnte nach dem Tod des staatenlosen Flüchtlings 1883 in London wurde sein Werk verantwortlich gemacht für brutale Gesellschaftsexperimente – von Stalin in der Sowjetunion über Mao Zedong in China bis hin zu Pol Pots Terrorregime in Kambodscha.

Warum diesem Mann also eine weitere Biographie widmen?

Nach der Lektüre von Jürgen Neffes „Marx. Der Unvollendete“ muss man sagen: Es hat sich gelohnt, sehr sogar. Denn Neffe ist eine brillante Marx-Analyse gelungen. Der Autor zeigt, dass Marx‘ oft nur fragmentarische Schriften keine geschlossene Ideologie bilden, mehr einer Baustelle als einem fertigen Gebäude gleichen.

Dass Marx‘ kritische Systemtheorie des Kapitalismus weiter aktuell bleibt. Und er präsentiert den Autor des „Kapitals“, der zeitlebens nicht mit Geld umgehen konnte, als Menschen aus Fleisch und Blut, als Bonvivant, der lange an der Armutsgrenze lebte.

Zunächst aber holt Neffe seinen Protagonisten von der Anklagebank. Marx sei es um Freiheit, nicht um Unterdrückung gegangen. Für den Journalisten, Marx arbeitete für die „Rheinische Zeitung“ und die „New York Tribune“, war die Pressezensur der Todfeind.

Mit den Freiheitsverächtern des Ostblock-Sozialismus, die Marx mit Denkmälern huldigten und aus seinem Werk „ewige Wahrheiten“ destillierten, hatte er nichts gemein. Marx verachtete nicht nur jeden Personenkult. Als Hegelscher Dialektiker wusste Marx, dass Kopfbeton nur Betonköpfe erzeugt.

Schon deshalb lehnte er jeden Dogmatismus ab. „Alternativlos“, schreibt Neffe, wäre für Marx „Unwort des Jahres“ gewesen und führt Marx zum Olymp der Jahrhundertdenker.

Selbst kritische Stimmen erkennen inzwischen an: Kein Forscher hat die Dynamik des kapitalistischen Systems so intensiv studiert und derart viel zu dessen Analyse beigetragen wie Marx. Seit der Lehman-Pleite 2008 und ihren verheerenden Folgen erlebt insbesondere seine Krisentheorie eine Renaissance.

Marx‘ Analysen zu „Arbeitsteilung und Entfremdung“ zählen inzwischen zum Allgemeinwissen. Man muss Neffes Interpretation nicht immer folgen – etwa wenn er die Verelendungstheorie von Marx durch Hinweise auf die Armut in der Dritten Welt retten will.

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