Zeitgenössische Kunst
Wer übt die Macht aus?

Nicht erst Fukushima hat die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft neu gestellt. Künstler spüren ihr schon länger nach. Dazu stellt die Columbus Art Foundation anregende künstlerische Haltungen vor.
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RavensburgWutbürger, Stuttgart 21, „Atomkraft nein danke“: Wie aus dem Dornröschenschlaf aufgeweckt sind viele Bürger, die gerade ihre Macht als Wählerin und Wähler wiederentdecken. Nicht nur Aktivisten gehen bei Demos auf die Straße und im Ländle regiert jetzt Grün-Rot. So ist die Ausstellung „politics - ich - ichs - wir“, die derzeit in der Ravensburger Kunsthalle der Columbus Art Foundation gezeigt wird, brandaktuell. Sieben Künstlerinnen und Künstler umkreisen das politische und gesellschaftliche Miteinander, das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft.

Die Preisträgerin als Impulsgeberin

Direktor und Kurator Jörg van den Berg erarbeitete für diese Schau ein neues Konzept für die private Columbus Art Foundation:  Gedanklicher Ausgangspunkt waren die Arbeiten von Anna Witt, die 2008 den Förderpreis der Columbus Art Foundation erhielt. Ihre Arbeiten bringt van den Berg mit „gesetzten Positionen“ zusammen.  Die 1981 geborene Künstlerin, die bei Magdalena Jetelova und Monica Bonvicini studierte, ist eine echte Entdeckung. In der frühen Installation von 2005/2006 „Import-Export Life Conditions“ thematisiert Witt die Lebensbedingungen in Mexiko Stadt und greift dafür zwei berühmte Arbeiten der mexikanischen Künstler Francis Alys und Santiago Sierra auf. „Im Training“ nennt sie ihre Installation von 2010. Das Video zeigt Witt, wie sie mit einer Wiener Cheerleader Gruppe das „Radical Cheerleading“ einstudiert. Diese Form von Cheerleading wurde von feministischen Gruppen in den 1990er-Jahren entwickelt als innovative Form von Straßenprotest, um so politische Inhalte zu transportieren.

Die Abweichung in der Serie

Es ist eine rein subjektive Auswahl von Künstlerinnen und Künstler, die der Kurator Jörg van den Berg traf. Dazu gehört auch die zunächst ungewöhnlich erscheinende Einbeziehung von Jan J. Schoonhoven (1914 – 1994), der einer ganz anderen Künstlergeneration angehört. Schoonhoven ist mit seinen berühmten, seriellen, weißen Reliefs und Zeichnungen vertreten. In seinen Werken geht es Schoonhoven „um eine Form der Organisation.“ Dies kann man nicht nur formal sondern auch im übertragenen politischen Sinne sehen, und so bildlich anwenden auf jede Form von Organisation und Miteinander. Bei genauem Hinsehen fällt auch auf, dass das vermeintlich perfekte Serielle immer wieder kleine Abweichungen aufweist. Unebenheiten im Relief oder ein nicht ganz perfekt in der Reihe stehender Pinselstrich brechen die Oberfläche auf. Schoonhovens Werke wirken in der Ausstellung wie ein Verstärker, denn sie steigern die Bildlichkeit der anderen.

Bourgeois und Citoyen

Die bunte Vielfalt der Gesellschaft fängt Albrecht Tübke in seiner Fotoserie „Citizens“ fest. Vor einem neutralen urbanen Hintergrund – der übrigens der Ausgangspunkt für das jeweilige Foto ist – wartet Tübke auf die Menschen, die er dann vor Ort anspricht. Das Ergebnis sind intensive Porträts in Ganzfiguren die sich dem Blick des Betrachters stellen. Erstaunlich ist die Offenheit der zumeist sehr fein gekleideten Personen, die die Aufmerksamkeit des Fotografen genießen zu scheinen.

Tücken der Kommunikation

Thomas Locher ist mit mehreren Werken vertreten. „Wie kommuniziere ich?“ Die Frage nach dem Miteinander in der Sprache setzt  Locher 1997 in der Installation „Meine Frage und deine Antwort“ um, bei der fünf an die Wand genagelte Stühle auf ironische Weise mit Aussagen „was du auch fragen wirst du wirst keine Antwort erhalten“ das Scheitern bzw. Nichtvorhandensein  von Kommunikation darstellen.

Viel Zeit mitbringen muss der Ausstellungsbesucher für Alexander Kluges „Früchte des Vertrauens“. Rund 11 Stunden filmisches Material, das mit Interviews, Kurzfilmen und Bildern vielschichtig die Begriffe Geld und Vertrauen nach der Finanzkrise umkreisen, warten auf den Betrachter, der einsinken kann in einen amüsanten, aber auch irritierenden und informativen medialen Bilderfluss.

Wirtschaftliches Beziehungsgeflecht

Spannend sind die Soziogramme des Amerikaners Mark Lombardi (1951 – 2000). Die akkuraten Zeichnungen, die durch die streng schematischen Darstellungen optisch sehr reizvoll sind, sind die Ergebnisse jahrelanger akribischer Recherche des Künstlers, der Machtstrukturen, wirtschaftliche Transaktionen und das Beziehungsgeflecht von Wirtschaftsmacht und Politik aufzeigen wollte. Lombardi, der sich 2000 das Leben nahm, wurde wohl vom FBI überwacht und erhielt Drohanrufe und so kursieren seit seinem Tod Gerüchte über Verschwörungstheorien gegen den Künstler.

Der etwas spröde Titel der Ausstellung mag verwirren und für manch einen Besucher wird es eine Herausforderung sein sich einzulassen auf die Videoarbeiten und Installationen, die konkreten Zeichnungen und Gemälde. Doch er wird dafür belohnt. Die Ausstellung eröffnet spannende Dialoge, die den Betrachter immer wieder zum Nachdenken bringen. Über das, was im Alltagsleben oft zu kurz kommt: die Fragen des Miteinanders und des einfachen wie des multiplen Ich im Zusammenspiel mit der Gemeinschaft.

„politics ich – ichs – wir“  bis 13. Mai 2011

Kunsthalle Ravensburg - Columbus Art Foundation

Eywiesenstraße 6

88212 Ravensburg

Montag – Donnerstag 10 – 18 Uhr, Freitag 10 – 17 Uhr

An Feiertagen geschlossen

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