12 Stunden in Tokio
Die Stadt der Superlative

Die japanische Hauptstadt ist voller Rekorde und Widersprüche: Super für ihre Besucher, schade für ihre Bewohner. Denn die wirken nur noch wie toten Komponenten einer hyperaktiven Welt. Einer Welt regiert von Geld.
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Im Zug vom Flughafen Narita nach Tokio herrschen Reinheit und Ruhe. Niemand spricht, niemand schaut den anderen an. Unterwegs steigen einige uniformierte Schulkinder ein, sie kichern hin und wieder, aber nur ganz leise und mit vorgehaltener Hand.

Außerhalb des Fensters: Ländliche Peripherie, wie wir sie von unseren mitteleuropäischen Bahnstrecken kennen. Hier und da hübsche Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten. Das ist also Japan, eine der modernsten und rastlosesten Nationen unserer Erde?

Ja, das ist das (traditionelle) Land Japan, aber nicht die (moderne) Stadt Tokio. Und diese Ruhe – wie sich ein wenig später bei der ersten Begegnung mit der größten Metropole des Landes zeigt - war die berühmte vor dem Sturm. Gleichzeitig ein schleichender Übergang und ein natürliches Symbol für die japanische Mentalität mit viel Harmonie und Mäßigkeit.

Die, die vor einem Jahr Schlagzeilen machte, weil sich die ganze Welt wunderte, wieso die Menschen nach einer Nuklearkatastrophe nicht kreischend im Kreis laufen und sich panisch die Haare raufen.

Wenn Sie dann in einem traditionellen Hotel einchecken und mit den winzig kleinen, oft fensterlosen Zimmern, hauchdünnen Matratzen und der spartanischen, lieblosen Einrichtung konfrontiert werden, werden Sie die Gelassenheit der Japaner in ihrem engen Lebensumfeld verstehen. Und wenn Sie später inmitten einer undurchsichtigen Menschenmasse, die Sie in dieser Dichte sonst nur von Rockkonzerten oder Demonstrationen kennen, die weltberühmte Shibuya-Kreuzung überqueren und kein einziges Mal angerempelt werden, werden Sie vielleicht auch die stoische Ruhe nach dem Fukushima-Unglück nachvollziehen können.

Die Menschenmengen in Tokio sind für Fremdlinge nämlich wahrscheinlich nicht weniger beängstigend, als eine Atomkatastrophe für direkt Betroffene. Der entspannte Umgang mit ihr dafür umso inspirierender. Ein Leben nach dem Motto: Nur die Harten kommen in den Garten?

Schwer zu sagen. Denn es ist auf den ersten Blick gar nicht so einfach, in einer hochmodernen Betonhölle, deren triste Mauern nur mit riesigen blinkenden LED-Reklamen bunt dekoriert sind, humane Gefühle zu ertasten und von ihnen auf volkstypische Eigenschaften zu schließen. Die Japaner sind extrem beherrscht und distanziert, ihre souveräne Haltung und stabile Besonnenheit lassen sich nur anhand ihrer erschütternden Kriegs- und erfolgsorientierten Industriegeschichte interpretieren.

Kommentare zu " 12 Stunden in Tokio: Die Stadt der Superlative"

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  • Ich zitiere aus dem Artikel:

    "Tokio ist nicht nur ein tolles, sondern vor allem ein teures Vergnügen. Die Stadt ist die zweitteuerste der Welt, wobei sie erste dieses Jahr von Zürich überholt wurde. Die saftigen Preisen schlagen sich bei Hotelbuchungen und Gastronomie-Besuchen nieder. Der Durchschnittstourist muss Minimum 100 Euro pro Tag für Kost und Logis einplanen, aber auch nur, wenn er nicht einkauft Shoppen und den Abend im Hotelzimmer verbringt."

    Würde ich für jeden Rechtschreibfehler in dem Artikel einen Euro bekommen, könnte ich mir davon ein Jahresabo vom Handelsblatt bestellen. Will ich aber nicht mehr, obwohl der Artikel eigentlich ganz gut ist. Aber die Masse an Rechtschreibfehlern - naja...

  • Sehr gelungener Artikel. für alle sei noch hinzugefügt: Tokio ist hier exemplarisch für alle japanischen Großstädte. Und wer jetzt glaubt, das sei alles erst seit einigen Jahren so, der irrt gewaltig. Seit den siebziger Jahren ist Japan so pulsierend wie es heute noch ist. Seit 40 Jahren High-Life und trendbestimmend für die ganze Welt. Aussensthende werden Japan und die Japaner niemals verstehen. Was ich seit Jahren immer sage: Japan ist einfach völlig anders und absolut einzigartig. Mit nichts zu vergleichen.

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