Budapest
Charme des Unfertigen

Vielleicht ist Ungarn auf dem besten Weg, eines dieser kleineren, wohlhabenden, langweiligen Länder zu werden. Doch glücklicherweise ist die Kapitale Budapest davon noch weit entfernt.

An Tagen wie diesen wird auf den ersten Blick deutlich, warum Budapest heute die zweitgrößte jüdische Gemeinde in Europa beherbergt; schätzungsweise 60 000 bis 80 000 Juden leben hier.

Aus Israel und anderswo sind viele Re-Migranten gekommen, deren Familienangehörige hier einst lebten und von den Nazis verschleppt und getötet wurden, 600 000 ungarische Juden. Zur Erinnerung an sie ist ein Holocaust-Denkmal im Garten der Großen Synagoge installiert, das eine Trauerweide symbolisiert. Auf die einzelnen Blätter des metallenen Weidenbaums wurde jeweils der Name eines Budapester Holocaust-Opfers eingraviert.

Wenn in diesen Tagen Sabbat ist, dann sind in Pest wieder scheinbar alle, die im 7. Bezirk, also im Jüdischen Viertel, leben, auf dem Weg zu einer der 13 Synagogen oder zum gemeinsamen Familienmahl. Kleine Jungs, mit der Kipa bedeckt, hüpfen an der Hand des Vaters übers Trottoir der Straße „Kyrali utca“, vorbei an einer festtäglich gekleideten Gruppe, die sich vor einem Hoteleingang um einen würdigen Bartträger in orthodoxer Tracht geschart hat. Vielleicht hoher Besuch. Etwas weniger gemessen, dafür im angemessenen Schwarz mit Hut, trotten drei junge Männer vorbei, angehende Rabbiner vielleicht.

Ein paar Straßenzüge weiter recken sich die Zwiebeltürme der „Großen Synagoge“ in den Himmel über der Halbstadt Pest; seltsamerweise erinnern sie an Minarette im maurischen Stil. Eine dreisprachige Tafel vor dem Innenhof der Synagoge beschreibt, dass hier in der Nähe der zionistische Vordenker Tivadar Herzl (Theodor Herzl) 1860 geboren wurde.

In den Straßencafés auf der gegenüberliegenden Straßenseite lassen sich, bei dem einen oder anderen Dreher – einheimisches Bier –, anschaulich Erörterungen darüber anstellen, wie sehr diese Stadt in unterschiedlichsten Vergangenheiten, Gegenwärtigkeiten und Zukünften angesiedelt ist. Wir schauen auf Häuserfronten aus K.u.k.-Zeiten, die sich zwischen Parterre und Dachfirst aufsteigend von „Hui“ nach „Pfui“ entwickeln.

Neben der verwitternden Pracht (um die Stabilität des Viertelbalkons unter dem Blümchenmuster muss man sich Sorgen machen), neben dieser Reminiszenz ans ausgehende 19. Jahrhundert also hat das Beraterhaus „Pricewaterhouse Coopers“ ein schick verglastes Bürorund errichtet, in dem wiederum sich typisch innerstädtischer Sanierungsbedarf spiegelt – aber auch eine damit korrespondierende Stilvielfalt, die in Europa ihresgleichen sucht. In einer Seitenstraße des Angeberboulevards Andrássy, in der Motoren aufheulen bzw. knattern, machen sich Zimmerleute an der Sanierung eines alten Bürgerhauses zu schaffen. Links von ihnen strahlen im Jugendstil Säulenheilige von einem Kinodach herab, die dem Eingang eines schönen, alten New Yorker Bankhochhauses entlaufen sein könnten. Wir schauen von unserem Bier auf, und unser Blick bleibt an einem Schild hängen, auf dem in lupenreinstem Deutsch eine „Rechtsanwältin“ darauf aufmerksam macht, dass sie im Hochparterre 11/B. praktiziert, und zwar „7. Bezirk, Károly Ring“.

Seite 1:

Charme des Unfertigen

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%