Demografie in Deutschland
Zwischen Landflucht und Mietpreishorror

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Ohne Auto keine Chance

Was bringt Leute dazu, sich auf dem Land niederzulassen? „Die Ruhe“, sagt der 44-jährige Vater, Logistik-Abteilungsleiter im 25 Kilometer entfernten Eschwege. Schon seine Eltern wohnten in Heyerode, waren Bauern. „Man kennt sich. Man ist eine große Familie.“

Doch der Blick in die Zukunft ist nicht ungetrübt. „Ich habe schon Sorge, was in zehn Jahren ist, aber ich möchte hier wohnen wollen“, sagt die Mutter. Allerdings hätten gerade Ältere, die kein Auto fahren, oft Probleme, weil nichts vor Ort sei.

Was passiert mit den Gebieten, wenn die Bevölkerung schrumpft und altert, weil die Jungen Tschüs sagen? Regionen versuchten zwar, sich attraktiv zu machen, sagt der Bevölkerungswissenschaftler Steffen Maretzke. Aber ihre Startposition im Wettlauf mit Boomstädten sei oft schlechter. Sie nähmen auch weniger Steuern ein als reiche Gegenden. „Es ist ein sich selbstverstärkender Prozess, dass die räumlichen und sozialen Disparitäten weiter zunehmen“, folgert der Experte vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Bonn.

Schon jetzt sei die Bevölkerung auf dem Land mit einem Durchschnitt von 46 Jahren zweieinhalb Jahre älter als in wirtschaftsstarken Regionen. Ein Grund ist auch, dass mehr Menschen studieren. Und die Hochschulen liegen nun mal meist in den Zentren.

Nicht nur Metropolen profitieren davon, sondern auch kleinere Universitätsstädte wie Greifswald. Die Hansestadt mit Max-Planck-Institut und dem Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit liegt an der Ostsee - und im strukturschwachen Vorpommern. Während die dortigen Dörfer ähnlich wie Heyerode in Hessen Menschen verlieren, wächst die Einwohnerzahl in Greifswald - in zehn Jahren von etwa 52.500 auf 57.300.

Gäbe es die Universität nicht, hätten sich Susann und Stefan Seiberling wohl nie kennengelernt. Der 45-Jährige stammt aus dem Schwarzwald, sie von der Küste. Er ging zum Studium nach Greifswald - weil er einen Professor spannend fand. So traf er die Medizinstudentin Susann. Inzwischen hat das Paar vier Kinder: Nikolas ist 15, Florin 13, Pamina 9 und Benjamin 4 Jahre alt. Susanns Eltern leben auch in Greifswald. Stefans Mutter zog nach, wegen der Enkel.

Sein Zuhause sieht der Biologe heute im Nordosten. Heimat bestimmt er nicht vorrangig über den Ort. Eher als Platz seiner Familie, wo Job und Lebensunterhalt gesichert sind.

Die Schwierigkeiten, ihren Arztberuf und die Erziehung der Kinder zu vereinbaren, haben Susann (38) belastet: „Um für mich und die Familie passende Arbeitsbedingungen zu finden, ist Greifswald vielleicht doch zu klein“, bedauert sie. Die Mutter konzentriert sich deshalb für eine begrenzte Zeit auf den Nachwuchs. In Zukunft schwebt der Ärztin aber eine Teilzeitstelle vor.

Kommentare zu " Demografie in Deutschland: Zwischen Landflucht und Mietpreishorror"

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  • @ Lothar Bitschnau
    Du musst ein Landei sei ... bei so einem Post. Flieg mal nach Singapur ... kannste dein Dorf in die Tonne kloppen. Um Karriere zu machen gehts in die Städte.

  • Wenn du im Sauerland in einem Dorf lebst ... bist du lebendig begraben. Da nutzen auch die Wälder nichts!!!

  • Das Image des langweiligen Landes verflüchtigt sich durch die digitale
    Revolution. Und das digitale "LEBEN" benötigt letztentlich Erholung ..
    in analoger Welt.

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