"Zum guten Wein gehört ein Korken" - findet die Mehrzahl der Verbraucher
Der richtige Dreh

Der Schraubverschluss auf der Flasche spaltet Weingenießer in zwei Fraktionen: Die einen sehen mit dem Korken gleich die ganze Weinkultur untergehen. Die anderen ergötzen sich am Tropfen ohne Korkschmecker.

Zum Dank für die Mitwirkung beim Trollinger-Wettbewerb in Heilbronn schickten die Veranstalter ein Paket mit den sechs besten Weinen. Zwei davon hatten Korkschmecker. Darunter ausgerechnet der Sieger, der wundervoll kirschfruchtige Kabinett-Trollinger von Herbert Bruker. Der wackere Winzer und Hotelier aus Großbottwar war verzweifelt: "Da müht man sich im Keller und versaut sich nachher mit den Korken den Wein." Mehr als die Hälfte seiner Erzeugung füllt er in Flaschen mit Drehverschluss. Doch Metall auf teuren Auslesen? Das traut er sich nicht.

Warum eigentlich nicht? Vor ein paar Wochen saß er mit Freunden zusammen und wollte einen besonderen Tropfen aufmachen. Er opferte eine Riesling-Auslese. Der teure Wein roch muffig. Noch dreimal ging er in den Keller. Erst die vierte Flasche war in Ordnung. "Meist ist es gar nicht der richtig dreckige Korkstinker", erklärt er. Aber häufig öffne er Weine, die dumpf und müde daherkommen. Bruker: "Der Fachmann ahnt dann, dass es am Korken liegt. Doch der normale Kunde schimpft auf den Winzer, der nicht sauber schaffen kann."

Die Schätzungen über den Anteil von Korkfehlern gehen je nach Lager weit auseinander. Die hiesige Korkindustrie spricht von höchstens zwei Prozent. Verkoster in Deutschland, die jährlich mehrere Tausend Weine probieren, sind sich weitgehend darin einig, dass jede siebte bis sechste Flasche mehr oder weniger betroffen ist. Keine andere Branche dürfte sich derart fragwürdige Verschlüsse leisten. Tino Seiwert vom Weinhandel Pinard de Picard in Saarlouis schrieb seine Lieferanten an, sie mögen doch, wenn irgend möglich, Schraubkapseln verwenden. "Gerade bei den besten Weinen", fordert er. "Nur so lässt sich das billige Image des Drehverschlusses bekämpfen."

95 Prozent der Verbraucher, so das Ergebnis mehrerer Umfragen in Deutschland, sind der Meinung, dass zum guten Wein ein Korken gehöre. Alles andere sei schäbig. Nur an Stopfen aus Kunststoff könnten sie sich zur Not gewöhnen. Doch auch Silikon ist nur bedingt geeignet. Spätestens nach einem Jahr dringt so viel Luft durch dieses Material, dass der Wein rasch altert.

Als sicher erwiesen haben sich Kronkorken aus Edelstahl, wie sie die Rheingauer Weingüter Wilfried Querbach und Peter Jakob Kühn, beide in Oestrich, verwenden. Nur sind diese Kapseln unpraktisch und sehr teuer. Perfekt - das ergaben Langzeitversuche - ist einzig die Schraube. Sie ist absolut sauber, kostet wenig, lässt sich leicht öffnen und wieder verschließen. Der Wein bleibt jahrelang frisch. "Doch bis die Kunden das begreifen, ist noch viel Überzeugungsarbeit nötig", stöhnt Seiwert. Merkwürdig nur, dass sich niemand am Schraubverschluss auf einem Single Malt Whisky für 40 Euro stört.

Anderswo scheinen Weinfreunde besser aufgeklärt zu sein. In der Schweizer Gastronomie kommen die teuersten Kreszenzen aus dem Waadtland verschraubt auf den Tisch. Auch in Franken haben zwei Erzeuger die Konsequenzen gezogen. Waldemar Braun in Volkach verbannte den Korken aus seinem Keller, nachdem ihm eine fehlerhafte Lieferung fast den gesamten 98er-Jahrgang verdorben hatte. Anders als befürchtet brachte die völlige Umstellung keinen nennenswerten Umsatzrückgang. Vorsichtiger agierte Thomas Schwab. Der Thüngersheimer bot alternativ Kork und Schraubverschluss an. Die Kunden gewöhnten sich erstaunlich rasch an den Dreh. Jetzt gibt es bei Schwab nichts anderes mehr. Ganz geschickt bereitete Stefan Hafen vom Weingut Schönhof im pfälzischen Diedesfeld seine Kunden auf die Metallverschlüsse vor: Bei jedem Kauf legte er eine kostenfreie Schraubflasche bei, "zur Eingewöhnung". Seine Kunden blieben ihm treu.

Auch Hannes Hirsch, der preisgekrönte Winzer aus dem österreichischen Kamptal, hatte die Nase voll von üblen Korkriechern und verkauft nur noch Flaschen mit Schraubkapseln. Die Kunden sind inzwischen dankbar für zuverlässig brillante, saftige Weine.

Das elitäre Wiener Magazin "Falstaff" jedoch läuft Sturm. Die Herausgeber Hans Dibold und Helmut Romé beschworen "das Ende der Weinkultur" herauf. Sie nannten Hirsch einen "technischen Wichtigtuer" und riefen die Leser zum Boykott seiner Weine auf. Händler Seiwert in Saarlouis spöttelt: "Die Herren müssen ziemlich unempfindlich gegen Korkschmecker sein."

Quelle: Handelsblatt

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