Zwischen zwei Städten
Pendel-Diplomatie

Die Computermanagerin Barbara Schädler wechselt zwischen Herz-Stadt Köln und Pflichtdomizil München. Wie verkraftet das die Karriere, und was rät sie Jobnomaden?

Eigentlich könnten wir es an dieser Stelle mit dem Abdruck eines Liedtextes bewenden lassen, der gerade den Rheinpegel anschwellen lässt, weil alle zu Tränen gerührt sind. Das Lied sagt viel aus über Sentimentalität, Heimat und Heimweh. Es heißt „Du bes Kölle“, handelt von der Domstadt und versammelt Strophen wie diese: „Du bes dat jrößte Dorf / Häs dä jeilste Arsch der Welt / Du bes Laache un och Kriesche / Un häs de Musik bestellt“. Aber es geht in dieser Geschichte ja nicht um Köln allein, sondern um die in München tätige Marketingmanagerin Barbara Schädler, ihre Liebe zu Köln und um ihren iPod, auf dem ganz besonderes Liedgut gespeichert ist.

Klar haben auch andere Führungskräfte MP3-Abspielgeräte, auf denen die einen sich während langer Flugreisen mit Wagner aufputschen, die anderen mit Norah Jones zur Ruhe kommen, wieder andere sich Managementliteratur vorlesen lassen. Barbara Schädler, Chief Marketing Officer und Vorstandsmitglied der Fujitsu Siemens Computers, hat ihren iPod mit „kölsche Tön“ aufgeladen, mit altem und neuem rheinischem Liedgut von Bap über „Bläck Fööss“ und „Höhner“ bis hin zum derzeitigen Leadsänger rheinischer Rührseligkeit, Tommy Engel, und seiner Hymne der Saison: „Du bes Kölle“. „Nachteile und Vorteile der Stadt“, sagt Barbara Schädler, „sind hier wunderbar aufgezählt, und im Refrain sind alle vereint: ,Du bes Kölle, op de wills oder och nit’.“

Von Haus aus ist Barbara Schädler „och nit“. Angeboren, genetisch kodiert oder angestammt ist ihre Leidenschaft zu Köln nicht. Sie ist in der Nähe von Speyer aufgewachsen, spricht heute ein Hochdeutsch, in das sich gelegentlich Rheinisches und Rheinpfälzisches einschleichen, Oberbayerisches aber nicht. Und das, obwohl ihr Arbeitsplatz seit geraumer Zeit in München ist, wo es bei Fujitsu-Siemens Computers darum geht, die Computerhardwarepalette in die Märkte zu bringen, „von den PDAs bis zu den Main-frames“. Sie ist Mitglied der Geschäftsleitung, Chefin.

Der Gefahr, deswegen abzuheben, gar durchzuknallen, entkommt sie freitagabends, gerne im Brauhaus „Em Golde Kappes“ an der Neusser Straße in Köln-Nippes, wo es „2 Bratwürste mit Möhren“ für 6,50 Euro gibt, einen anständigen Sauerbraten, Kölsch und notorisch wechselhaft aufgelegte Köbesse, wie hier bekanntlich die Kellner heißen. Ankommen im „Kappes“ – das ist für Barbara Schädler nach verdichteten, vielleicht sogar verdrießlichen Arbeitstagen wie Urlaub, launische Köbesse eingeschlossen. Heimat.

Warum der kölsche Ober ein „Köbes“ ist, davon weiß Barbara Schädler zu erzählen: Die Stadt sei im Mittelalter der Schnittpunkt von Ja„köbes“-Pilgerwegen gewesen, die viele Wanderer hier abgebrochen hätten, um sich in der Gastronomie zu verdingen und von der Stadt aufgenommen und -gesogen zu werden – etwa so, wie es auch war, als Barbara Schädlers Affäre mit Köln begann, damals, als sie im Bonner Finanzministerium als Referentin für Grundsatzangelegenheiten startete und später zu Theo Waigels Pressesprecherin aufstieg. Sie entschied sich fürs Arbeiten in Bonn und fürs Leben in Köln – eine angemessene Wahl für Leute, die das eine mit dem anderen nicht gerne verwechseln wollen. Die warmherzige Lebensnähe zu Köln ist zugleich der nötige Abstand (und die Energiezufuhr) für einen Job in München und anderswo, wo ein ganz anderes Taktmaß den Rhythmus bestimmt.

Schädler: „Selbst wenn man allein nach Köln kommt, ist es ganz schnell und ganz leicht, hier angenommen zu werden und zu leben.“ In der Schmelztiegelei hat Köln Erfahrung seit zweitausend Jahren. Hier ist noch der soziophobeste „Imi“ – so heißen hier die Zugewanderten – zum Kölschen geworden. Die Liberalität der Stadt rühmt Schädler, zu der auch ihre legendäre Klüngelhaftigkeit gehört und eine Hilfsbereitschaft der Leute, die im Lied so verewigt ist: „Du bes Kölle, du bes super tolerant / Nimps jeden op d’r Ärm un an de Hand“.

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