950 Folgen Tatort
Das letzte Lagerfeuer der Nation

950 Folgen in 45 Jahren: Der „Tatort“ feiert großes Jubiläum. Die Reihe gilt nicht nur als „Kitt für die Gesellschaft“, sondern auch als letzte starke Medienmarke Deutschlands – beflügelt durch soziale Netzwerke.
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DüsseldorfDie 950. Folge in 45 Jahren: Der „Tatort“, die letzte Instanz im deutschen Fernsehen, feierte mit dem Wiener Fall „Gier“ am Sonntag sein Jubiläum. Andere TV-„Lagerfeuer“ wie „Wetten, dass..?“, die ganze Familien zusammen vor dem Bildschirm vereinten, sind längst ausgeglüht – doch der Tatort läuft und läuft und läuft. Jede Folge verbucht Zuschauerzahlen um die zehn Millionen. Auch wenn es am Sonntag nur zu 8,18 Millionen Zuschauern reichte, blieb der Tatort Quotensieger. Das schaffen heutzutage sonst nur noch Fußballübertragungen. Wie gelingt dem „Bundeskrimi“ das?

Während sich im vergangenen halben Jahrhundert sonst fast alles irgendwie verändert hat, bleibt der Tatort am Sonntagabend so etwas wie die letzte identitätsstiftende Einheit der Bundesrepublik. Welches Fernsehformat kann sich sonst über wöchentliche Rezensionen in allen großen deutschen Medien freuen? Über Spiegel Online bis zur FAZ sind alle dabei. Der Tatort ist Objekt und Motor des öffentlichen Diskurses.

Das fängt schon beim Vorspann an: Als Til Schweiger vor seinem Start als Hamburger „Tatort“-Kommissar das 30 Sekunden lange und seit dem Beginn vor 45 Jahren kaum veränderte Filmchen als „dämlich“ und „outdated“ bezeichnete, gab es einen Aufschrei, als ob er den Papst beleidigt hätte. Auf Kritik an ihrem Sonntagsgottesdienst-Ersatz reagiert die säkularisierte TV-Nation Deutschland offensichtlich empfindlich.

Das Konzept, dass die Tatorte aller Sendeanstalten vereint, ist bis heute dasselbe geblieben. Jeder Fall soll gesellschaftlich brisante Themen aufgreifen und dem breiten Publikum zugänglich machen. Dabei ist alles erlaubt, was der Zeitgeist hergibt: Die Probleme arbeitsloser Immigranten, Jugendkriminalität oder auch mal Satanismus. Bis zur Wende gab es drei Tatorte, die sich mit der Deutsch-Deutschen Beziehung auseinandersetzten. In den letzten Jahren gab es zwei Fälle, in denen die schwierige Rückkehr von Afghanistan-Soldaten in den Alltag porträtiert wurde.

Die Entwicklungen sind für den Medienwissenschaftler Knut Hickethier von der Uni Hamburg ein wichtiger Erfolgsfaktor des Tatorts: „Im Gegensatz zu ehemals erfolgreichen Formaten wie „Wetten, dass..?“ ist der „Tatort“ extrem wandlungsfähig: Die Detektive bleiben konstant und somit für den Zuschauer vertraut. Doch die Situationen, in die sie geraten, sind von Fall zu Fall unterschiedlich. So bleibt das Format stets spannend.“

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