„Tatort“ thematisiert Homophobie
Zurückgeworfen auf die eigenen Vorurteile

Der Berliner „Tatort“ wagt sich an ein heikles Thema: In „Amour fou“ geht es um Homophobie, Migrationsproblematiken und Missbrauchsverdacht. Im Zentrum, wie immer, ein Mord. Es wird zum Spiel mit eigenen Vorurteilen.
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BerlinGrausamer Tod im Kleingarten. Der homosexuelle Lehrer Enno wurde erschlagen, im Plastikstuhl mit Benzin übergossen und angezündet. In ihrem fünften Fall („Amour fou“) werden die Berliner „Tatort“-Ermittler Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) mit einer ebenso gruseligen wie rätselhaften Tat konfrontiert.

Das Privatleben der beiden Ermittler wird dieses Mal auch wieder ein Stück weitererzählt, aber eher nur am Rande gestreift - nach dem ungewöhnlichen „Tatort“-Format der vorangegangenen, eng miteinander verwobenen Folgen, in denen es unter anderem um Ermittlungen gegen Karow selbst ging.

Armin (Jens Harzer), der Ehemann des Mordopfers, vermutet die Täter unter Ennos Schülern. Ihre Liebe haben Enno und Armin immer offen ausgelebt. Beim Schulfest tanzten sie miteinander und küssten sich - danach gab es nicht nur „Sprüche“, wie es der Schulleiter ausdrückt, sondern auch einen Brandanschlag auf Ennos Auto. „80 Prozent unserer Schüler haben Migrationshintergrund. 79 Prozent sind homophob“, so der Direktor der Neuköllner Gesamtschule.

Dann kommt heraus, dass Enno gerade erst vom Dienst beurlaubt wurde. Ein Schüler will beobachtet haben, wie Enno den aus sozial schwierigen Verhältnissen stammenden Jungen Duran (Justus Johanssen) in eine sexuelle Handlung verwickelt hat - ausgerechnet Duran, um den sich Enno und Armin seit langer Zeit kümmern und den sie sogar bei sich zuhause aufgenommen haben. Hat sich der plötzlich spurlos verschwundene Duran an Enno gerächt? Doch auch der Witwer Armin benimmt sich verdächtig. Hinter seiner ironisch-fatalistischen Maske scheint er ein Geheimnis zu verbergen.

„Das Tolle an „Amour fou“ ist, dass der Zuschauer - ebenso wie die Kommissare - immer wieder auf die eigenen Vorurteile zurückgeworfen wird und somit gar nicht anders kann, als ebendiese zu hinterfragen“, sagt Regisseurin Vanessa Jopp („Klimawechsel“, „Engel & Joe“). Tatsächlich gelingt es der Grimme-Preisträgerin, ohne Zeigefinger-Moral wichtige gesellschaftspolitische Fragen anzusprechen - und gleichzeitig eine Story mit Tempo, Atmosphäre und teils anarchischem Witz zu erzählen.

„Amour fou“ ist spannend bis zum überraschenden Schluss und zeigt ein Berlin jenseits der Standard-Optik. Die Filmemacher drehten unter anderem auf dem Tempelhofer Feld, in der Hasenheide und in Kreuzberg. Vor allem aber lebt die Story durch ihre kantigen Charaktere: Von den eigenwilligen, sich ständig beharkenden Kommissaren über die Multikulti-Jugendlichen im Neuköllner Rollbergkiez bis zum selbst im Angesicht des Todes ziemlich respektlos quasselnden Mitarbeiter der Spurensicherung.

Schauspielerisch brilliert vor allem Jens Harzer. Er spielt den Witwer Armin, der für die Kommissare und den Zuschauer lange undurchsichtig bleibt. Ist er der trauernde Ehemann und Familienmensch, als der er sich ausgibt? Oder hat der Erbe eines Keksfabrikanten doch irgendetwas mit dem Tod von Enno zu tun? Als Armins Mutter hat in „Amour fou“ die unvergleichliche Angela Winkler einen Gastauftritt.

Ein Hauch Melancholie durchzieht diesen „Tatort“. Nachts ist Berlin die Stadt der Einsamen und Desperados. Und auch bei den Ermittlern läuft es privat immer noch nicht ganz rund. So entsorgt Kommissarin Rubin gleich in der Eingangsszene die Klamotten einer langen Clubnacht im Mülleimer - kurz bevor ihr Mann und ihr ältester Sohn wieder einziehen wollen.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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