144 000 Ingenieure und Techniker gesucht
Fachkräftelücke wächst rasant

Der deutschen Wirtschaft werden im Jahr 2020 rund 230 000 Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker fehlen, wenn die Politik nicht schnell gegensteuert. Im Jahr 2030 könnte die Fachkräftelücke auf fast eine Million angewachsen sein, warnt das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in einer dem Handelsblatt vorliegenden Studie für das Bundeswirtschaftsministerium.

BERLIN. Schon in diesem Sommer fehlten danach 144 000 Fachkräfte, darunter 37 000 Maschinen- und Fahrzeugbauingenieure, 25 000 Maschinenbautechniker und 22 000 EDV-Spezialisten. Der Mangel an qualifiziertem Personal habe die Wertschöpfung im vergangenen Jahr um gut 28 Mrd. Euro geschmälert, schreibt das IW. „Die Dramatik zeigt sich daran, dass dieser Wertschöpfungsverlust gegenüber 2006 um zehn Mrd. Euro gestiegen ist“, kommentierte die parlamentarische Staatssekretärin des Ministeriums, Dagmar Wöhrl, die Ergebnisse. „Wir dürfen nun nicht nur kurzfristig Löcher stopfen, sondern müssen langfristig investieren“, sagte die CSU-Politikerin mit Blick auf die Studie, die am Freitag vorgestellt wird.

Wöhrl fordert, dass das Geld, das vor allem die Länder im Bildungswesen wegen sinkender Kinderzahlen sparen, „in Bildung reinvestiert und nicht anderweitig verwandt wird“. Diese „demografische Rendite“ beträgt nach Rechnung des IW bereits 2009 fünf Mrd. Euro und steigt bis 2020 auf 16 Mrd. Euro an.

Die demografische Rendite steht auch im Mittelpunkt des Bildungsgipfels der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten am 22. Oktober in Dresden. Der Bund und die Kultusminister drängen die Bundesländer, die Bildungsausgaben nicht entsprechend der sinkenden Schülerzahlen zu kürzen, doch bisher ist nur ein Teil der Länderchefs dazu bereit.

Langfristig würde sich die Investition aber lohnen, rechnet das IW vor: Wenn der Staat im Schnitt gut acht Mrd. Euro jährlich zusätzlich in Kindergartenplätze und Ganztagsschulen stecke und zudem die Finanzierung des Studiums neu organisiere, so dass mehr Akademiker ausgebildet werden können, werde er im Gegenzug deutlich mehr Steuern und Sozialabgaben einnehmen, so das IW. Bis 2030 ergebe sich so für den Gesamtstaat eine Rendite von rund acht Prozent. Bis 2047 wären es sogar 13 Prozent. Bis 2020 allerdings fielen die Ausgaben höher als die zusätzlichen Einnahmen (siehe „Lohnende Mehrausgaben“).

Kurzfristig gelte es, die Abbrecherquoten in ingenieur- und naturwissenschaftlichen Studiengängen von heute rund einem Viertel zu halbieren. Das würde die Zahl der Absolventen bis 2020 um rund 155 000 erhöhen, schreiben die IW-Experten Oliver Koppel und Axel Plünnecke.

Um die entsprechenden Anreize zu schaffen, empfehlen sie ein neues System der Studienfinanzierung nach dem Motto „Geld folgt Student“: Bund und Länder sollten in einen Gutscheinpool einzahlen, aus dem die Hochschulen pro Student finanziert würden. Damit stiege der Anreiz für die Länder, mehr Plätze anzubieten. Hinter dieser Idee steht auch das Bundeswirtschaftsministerium: „So stärken wir den Qualitätswettbewerb unter den Hochschulen“, sagte Wöhrl dem Handelsblatt. Einen ähnlichen Vorschlag für den Hochschulpakt II, den Bund und Länder planen, hatten auch der Stifterverband und die SPD gemacht. Viele CDU-Länder sind jedoch dagegen.

Daneben würde auch eine schnellere Anerkennung ausländischer Studienabschlüsse für Abhilfe beim Fachkräftemangel sorgen, so das IW. Rund jeder fünfte Migrant klage hier über Schwierigkeiten.

Die vom IW empfohlenen Zusatzausgaben von gut acht Mrd. Euro pro Jahr für den Ausbau des Bildungssystems setzen sich wie folgt zusammen: Wie bereits vereinbart, 2,3 Mrd. Euro für mehr Kleinkinderbetreuung; jeweils 1,3 Mrd. für die Abschaffung der Gebühren für Halbtagsplätze im Kindergarten und die bessere Qualifizierung der Erzieherinnen. Zudem wären rund 400 Mio. Euro für besondere Förderung in den Kitas nötig, etwa um die Kleinsten sprachlich fit für die Schule zu machen.

Für den weiteren Ausbau der Ganztagsschulen sehen die Experten – abzüglich der Einsparungen in den Horten – 2,2 Mrd. Euro jährlich vor. Mittlerweile bietet fast jede fünfte Schule Ganztagsbetreuung an. Doch ginge es nach dem Wunsch der Eltern, müsste es schon jede zweite sein. Für 20 000 zusätzliche Studienplätze jährlich veranschlagt das IW zudem Kosten von 700 Mio. Euro.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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