60. Gründungstag
Großer Bahnhof für den DGB

Der Festakt zum 60. Gründungstag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) überstrahlte die Regierungsbildung. Die Botschaft des Abends: Die Gewerkschaften gelten wieder etwas in Deutschland – vielleicht sogar so viel wie nie zuvor.

BERLIN. Die Symbolsprache der Inszenierung war am Montag fast noch eindrucksvoller als die Festreden selbst. Dabei gab sich als Hauptredner zum 60. Gründungstag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) immerhin Bundespräsident Horst Köhler die Ehre – und warb mit einem feinsinnigen Vortrag bemerkenswert deutlich für eine starke Rolle der Gewerkschaften in Gesellschaft und Politik. „Mischen Sie sich ein!“ forderte Köhler die Jubilare auf.

Doch erst der Rahmen des Festaktes im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt, einem herrschaftlichen Saal mit viel Blattgold und Purpur, verdichtet die Botschaft zu einem einzigen Bild: Die Gewerkschaften gelten wieder etwas in Deutschland – vielleicht sogar so viel wie nie zuvor. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und FDP-Chef Guido Westerwelle haben sich unmittelbar vor Beginn ihrer Koalitionsverhandlungen extra zwei Stunden Zeit genommen, um der DGB-Feier beizuwohnen. Und so wirkt diese beinahe wie ein Eröffnungsgottesdienst zur schwarz-gelben Regierungszeit.

Das feierliche Bild sticht auch deshalb so heraus, weil es rein gar nichts mit den gewohnten Formen gewerkschaftlicher Machtdemonstration zu tun hat – Streiks, Großdemos und Trillerpfeifen. Die Erklärung liefern vor allem die Finanzmarktkrise und die allseits beschworene Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie bringen den Gewerkschaften neue Aufmerksamkeit; der DGB könnte dazu beitragen, den gesellschaftlichen Zündstoff zu entschärfen.

Genau das drückt verbal auch die Rede des Bundespräsidenten aus. Köhler geht äußerst skeptisch mit den Verhaltensmustern von Banken ins Gericht; ebenso mit den bisherigen Ansätzen für eine wirksamere Kontrolle der Finanzmärkte. Er skizziert die Krise als mahnendes Beispiel einer Entwicklung, in der zu viele „den Blick fürs Ganze verlieren“. Köhler beklagt einen Mangel an Selbstreflexion bei den Banken – und warnt mit einer Methapher, die er selbst geprägt hat: „Ich sehe das Monster noch nicht auf dem Weg der Zähmung.“ Nach der Notrettung mit Staatshilfe sehe es derzeit vielmehr so aus, „als ob die Branche die Politik im Regen stehen lässt“.

Die Diagnose des Bundespräsidenten ist damit zum einen eine deutliche Warnung an die Banken. Denn, so Köhler: Die eigentliche Debatte darüber, wer die Kosten der Krise letztlich tragen müsse, habe in Wahrheit noch nicht einmal richtig begonnen. Zum anderen leitet er daraus einen ebenso klaren Appell an die Gewerkschaften ab: Diese trügen „für alle Bereiche Mitverantwortung“ und sollten daher „auch Mitgestalter sein“. Allerdings dürften sie nicht ähnlichen Fehlern verfallen wie die Akteure an den Finanzmärkten: „Wir brauchen weiterhin starke Gewerkschaften – und Gewerkschaftsführer, die den Blick fürs Ganze haben.“

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