Abriss ganzer Viertel in Duisburg
Tschö Industrie-Tristesse!

Was sich bisher nur Städte in den neuen Bundesländern trauten, wagt nun erstmals eine Stadt im Westen: 259 Häuser will Duisburg abreißen und 1 420 Menschen umsiedeln. Bezahlt wird das Vorhaben zur Hälfte von Thyssen-Krupp.

DUISBURG. Er ist überall. Dieser feine Dunst, der sich klebrig auf die Lunge legt. „Alles halb so wild“, sagt Lale Yarar. Das mit der schlechten Luft sei früher, als die alte Kokerei lief, viel schlimmer gewesen. „Wenn man damals eine Konservendose auf dem Balkon hat stehen lassen, war die nach einer Woche verrostet.“ Lale Yarar wohnt nur 200 Meter entfernt von den Thyssen-Krupp-Hochöfen in Duisburg-Bruckhausen. Sie will hier nicht weg.

Geht es nach Heiner Maschke, wird das Haus von Frau Yarar bald abgerissen. Er ist der führende Kopf der Entwicklungsgesellschaft Duisburg (EG DU). Maschke vertritt einen radikalen Plan: Im Duisburger Norden sollen ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichgemacht werden, so wie viele ostdeutsche Plattenbausiedlungen nach der Wende. „Wir haben belegbare Zahlen und Fakten, die zeigen, dass die Maßnahmen notwendig sind“, sagt Maschke.

Was sich bisher nur Städte in den neuen Bundesländern trauten, wagt nun erstmals eine Stadt im Westen. 259 Häuser will Duisburg abreißen und 1 420 Menschen umsiedeln. Innerhalb von zehn Jahren soll ein neuer Grüngürtel entstehen – als Puffer zwischen der Stahlindustrie und den Wohnhäusern in den Stadtteilen Bruckhausen, Marxloh und Beeck.

Am Montag hat der Rat der Stadt Duisburg den radikalen Plan gebilligt.

Heiner Maschke hat einen mächtigen Partner: Thyssen-Krupp. Der Stahlkonzern zahlt 36 Millionen Euro für Abriss und Begrünung und übernimmt damit den kompletten Anteil der Stadt. Die andere Hälfte der 71,9 Millionen Euro zahlen das Land Nordrhein-Westfalen und die EU.

Der Konzern macht sich geschickt ein Phänomen zunutze, das der Westen der Republik zukünftig immer öfter erleben wird: Wegen sinkender Bevölkerungszahlen werden ganze Stadtteile überflüssig. Das bedeutet mehr Platz für die Industrie, für die es im dicht besiedelten Deutschland bisher schwierig war, Anlagen zu erweitern oder neu zu bauen.

Bruckhausen ist kein schöner Ort. Allenthalben vermauerte Fenster, zerfallende Häuser, Feinstaub auf den Fassaden und in der Luft. Einst lebten hier mehr als 20 000 Menschen, viele arbeiteten bei Thyssen im Stahlwerk, das nur eine vierspurige Straße von den Häusern trennt.

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