Ärztemangel-Debatte
Heuchelei-Vorwurf gegen Ärztepräsident

Der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach hat die Warnung des Ärztetages vor drohendem Ärztemangel und einer schlechteren medizinischen Versorgung vor allem sozial Schwacher zurückgewiesen.

HB BERLIN. Der Berater der Bundesregierung warf dem Präsidenten der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, Heuchelei vor. „Anders kann ich es nicht nennen, wenn der oberste Wächter der Ethik in der Medizin in einem Atemzug die schlechte Gesundheitsversorgung von Arbeitslosen beklagt und die Privilegien der Privatpatienten verteidigt“, sagte Lauterbach dem Handelsblatt.

Hoppe müsse endlich zur Kenntnis nehmen, dass vielen gesetzlich Versicherten der Zugang zum Spezialisten nur deshalb verwehrt werde, weil diese an jedem Privatpatienten sechs Mal soviel verdienen könnten. „Hoppe geißelt die Ökonomisierung der Medizin, die er der Politik vorwirft, kritisiert aber mit keinem Wort, dass die Jagd nach lukrativen Privatversicherten die Chancen sozial Schwacher auf gute Versorgung durch Spezialisten ständig verschlechtert.“

Würden die Ärzte für gesetzlich und privat Versicherte gleiches Geld bekommen, ließe sich auch die vom Ärztetag zu Recht kritisierte Ausdünnung der ärztlichen Versorgung in ländlichen Regionen verhindern. Denn viele Ärzte scheuten eine Niederlassung in einer Landpraxis nur, weil es dort zu wenig Privatpatienten gebe. In der Stadt könnten sie dank der Privathonorare dagegen rund ein Drittel mehr verdienen. „Die Kehrseite der Medaille ist, dass wir auch in ostdeutschen Städten eine Überversorgung mit Hausärzten haben.“

Die Trennung zwischen privat und gesetzlich Versicherten gebe es in keinem anderen Land, so Lauterbach. „Dieses System ist unwirtschaftlich und ungerecht, auch den Ärzten gegenüber, die in Regionen mit viel Armut und sozialen Problemen tätig sind“, sagte Lauterbach, der zu den profiliertesten Anhängern einer Bürgerversicherung gehört.

In Deutschland drohe auch kein Ärztemangel. „Wir hatten noch nie so viele Ärzte wie heute. Nur die Schweiz steckt einen höheren Anteil des Bruttoinlandsprodukts ins Gesundheitssystem. Wir verteilen das Geld nur falsch“, klagte Lauterbach. „So leisten wird uns als einziges Land eine doppelte Facharztschiene. Das heißt, auf jeden Facharzt im Krankenhaus kommt einer, der den gleichen Job in einer Praxis macht. Das macht das System teuer und ineffizient.“

Die mit der Gesundheitsreform ermöglichte Gründung medizinischer Versorgungszentren (MVZ) unter Beteiligung von Kliniken ist nach Ansicht Lauterbachs ein Weg, diese Ineffizienz zu vermeiden und Ärztemangel zu verhindern. „Doch die Kassenärztlichen Vereinigungen verhindern diese Konkurrenz, wo immer sie können,“ klagt Lauterbach. Dabei winkten dort sichere Jobs mit Jahresgehältern von bis zu 180 000 Euro.

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