Ärztestreik
Tausende Operationen an Unikliniken verschoben

Die Ausweitung der Ärztestreiks trifft viele Patienten hart. Seit Wochen befinden sich die Medizinier im Ausstand. Allein am Montag legten rund 12 300 die Arbeit nieder. Tausende Operationen wurden bislang verschoben. Verbände warnen: Vor allem gesetzlich Krankenversicherte seien im Nachteil.

HB BERLIN. Die Ärzte der Universitätskliniken lassen die größte Streikwelle seit Beginn ihres Ausstandes vor mehr als zwei Monaten durch Deutschland rollen. Mit 12 300 streikenden Medizinern an 39 Krankenhäusern werde der jüngste Streikrekord vom 11. April gebrochen, teilte der Marburger Bund, am Montag in Berlin mit. Bereits vor der Ausweitung der Streiks an diesem Montag sind tausende Operationen an Unikliniken verschoben worden. Die betroffenen Krankenhäuser rechnen nun mit einer Verschärfung der Situation. Vielfach werden nur noch Notfallpatienten und besonders schwere Fälle behandelt, hieß es.

„Bislang sind im Uniklinikum Essen mehr als 2000 Operationen ausgefallen“, sagte Sprecherin Kristina Gronwald. Viele Patienten warten derzeit zu Hause auf einen OP-Termin. An der Uniklinik Würzburg wurde zeitweise rund die Hälfte aller geplanten Operationen verschoben, sagte der Ärztliche Direktor Christoph Reiners. Manche Patienten mussten bereits mehrere Male vertröstet werden. „Das ist eine enorme psychische Belastung für die Betroffenen.“

Die Ausweitung des Streiks sei für die Versorgung der Kranken „eine einzige Katastrophe“, klagte die kaufmännische Direktorin der Uniklinik Heidelberg, Irmtraut Gürkan. Bisher seien rund 700 Operationen verschoben worden. Seit Freitag sei zudem eine chirurgische Abteilung mit 22 Betten komplett geschlossen.

Ein Sprecher der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) sagte: „Die Schmerzgrenze ist längst erreicht.“ Es gebe „deutliche Einschränkungen“ für die Patienten. Seit Beginn der Streiks seien an der MHH rund 50 Operationen verschoben worden.

Versichertenverbände fürchten Nachteile vor allem für Pflichtversicherte. „Man kann nicht ausschließen, dass ein Privatpatient bevorzugt als Notfall behandelt wird“, sagte der Präsident der Gesellschaft für Versicherte und Patienten, Wolfram Candidus. Schon jetzt sei es so, dass Privatversicherte wegen des 2,8-fachen Honorarsatzes schneller behandelt würden. Angesetzte Operationen würden im Alltag des öfteren verschoben, wenn ein Privatpatient mit akuten Beschwerden dazwischen komme.

Auch der Präsident des Verbands der Krankenversicherten Deutschlands, Heinz Windisch, sagte: „Ich glaube schon, dass die Verwaltungen der Kliniken versuchen werden, Privatpatienten vorzuziehen.“ Es sei letztlich kein Geheimnis, dass Privatversicherte schon jetzt bevorzugt behandelt würden. Vor einem solchen Vorgehen könne er die Kliniken jedoch nur warnen.

Windisch rät allen Kranken, sich stets eine zweite Meinung einzuholen, ob die Verschiebung einer Operation gerechtfertigt ist. Bei seiner Organisation häuften sich derzeit die Nachfragen besorgter und ratloser Patienten. „Es ist jetzt ein Punkt bei den Streiks erreicht, der sich zum Nachteil der Patienten auswirkt.“ Vor allem die psychische Belastung für die Patienten sei enorm.

„Streiks führen zu Personalabbau“

Der Sprecher des Marburger Bundes, Athanasios Drougias, verwies auf die Notfallvereinbarungen zwischen den Ärzten und den Klinikträgern vor Ort. Ob eine Operation aufgeschoben werden könne, werde allein nach medizinischen Kriterien entschieden und nicht nach dem Versicherungsstatus. Die Mediziner legten die Notfallverträge zudem „eher großzügig als zu rigide“ aus. Alle Protestaktionen in der laufenden Streikwoche, an der am Montag bundesweit 37 Kliniken teilnahmen, fänden in der Nähe des Krankenhauses statt. Im Falle einer unerwartet hohen Zahl akuter Notfälle könnten dann schnell Ärzte einspringen.

Neben den Einschnitten bei der Patientnversorgung ist auch der finanzielle Schaden für die Kliniken groß. Im Göttinger Universitätsklinikum hieß es, bislang habe das Klinikum Einnahmeausfälle von rund sechs Millionen Euro gehabt. Das Universitätsklinikum Essen will sogar rund 13 Millionen Euro Verlust gemacht haben.Grund seien die parallelen Streiks der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und des Marburger Bunds.

Die Uniklinik Düsseldorf habe vorübergehende Liquiditätsprobleme mit einem kurzfristigen Kredit im sechsstelligen Bereich ausgleichen müssen, da zudem durch den parallel laufenden Streik des nicht-medizinischen Personals Rechnungen nicht pünktlich geschrieben würden, sagte eine Sprecherin. Der kaufmännische Direktor der Uniklinik Tübingen, Rüdiger Strehl, beziffert die bisherigen Einnahmeverluste auf rund drei Millionen Euro. Die ganzwöchigen Streiks kosten die Klinik 1,5 Millionen Euro pro Woche. Dass Streiks und Einnahmeverluste zu Personalabbau führen können, schloss Strehl nicht aus.

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