AfD-Parteitag in Bremen
Die Lucke-Show

Mit einer starken Rede hat Bernd Lucke die AfD-Mitglieder überzeugt: Auf dem Parteitag in Bremen stimmen sie für die Einer-Spitze. Der Chef reklamiert den Posten für sich – damit beginnt der Machtkampf erst richtig.
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BremenAls Bernd Lucke um halb eins seine Rede beendet, erheben sich die 1700 anwesenden Mitglieder der Alternative für Deutschland von ihren Plätzen und klatschen begeistert. Sie haben gerade eine halbe Stunde lang ihrem Bundessprecher zugehört, der mit einer wütenden Rede für seine Parteireform geworben hat. Für das „Ein-Sprecher-Modell“, wie Lucke es nennt. Er hat die Arbeit des heutigen, dreiköpfigen Bundesvorstands „stümperhaft“ genannt und seinen Parteifreunden zugerufen: „Die AfD ist kein Kegelklub und kein Kaninchenzüchterverein, den man nebenberuflich führen kann.“ Er hat von persönlichen und beruflichen Entbehrungen gesprochen, hat die Zukunft der AfD an seinen Lösungsvorschlag geknüpft. Er hat die große Lucke-Show abgezogen. Und er hat sich damit ein paar Stunden später durchgesetzt. Aber von vorne.

Bremen an diesem Wochenende. Die AfD hält den größten Parteitag ab, den die Bundesrepublik seit dem zweiten Weltkrieg gesehen hat. Für mehr als 3000 Mitglieder hat man Platz geschaffen. Jeder AfD’ler konnte sich anmelden. Schnell war klar, dass das ursprünglich angemietete Maritim Hotel dafür nicht ausreichen würde. So musste das einen Kilometer entfernte Musical Theater auch noch gechartert werden, zugeschaltet per Standleitung und Videokonferenz. Chaos schien programmiert. Zwar kamen tatsächlich weit weniger Mitglieder als erwartet, doch hatten SPD-Jugend, DGB und Antifa zu einer Gegendemonstration aufgerufen.

Tatsächlich bleibt das Chaos vor der Tür dann mehr oder weniger aus. Dafür sorgt schon die Polizei, die das Sicherheitskonzept noch einmal verschärft hatte. Drinnen hingegen geht es umso turbulenter zu. Die Mitglieder nutzen ausgiebig ihre Möglichkeit, Anträge zu stellen. Von Beginn an gerät der Zeitplan ins Hintertreffen. Ein Mitglied will die Entscheidungen vom Vortag zurücknehmen, wieder einer beantragt, Wortmeldungen auf eineinhalb Stunden auszudehnen, ein anderer plädiert dafür, den Satzungsstreit um ein Jahr zu vertagen, „weil das hier in die Hose geht“.

Dreier-Spitze kommt an ihre Grenzen

Für die AfD geht es um viel. Nichts geringeres als die Abkehr von ihren Gründungsidealen hatte sich die Partei für ihren Satzungsparteitag vorgenommen. Eine „wirklich basisdemokratische“ Organisation wollte man einst sein, mehr Bürgerbewegung denn politisches Establishment, ein Gegenmodell zu den verhassten „Altparteien“. Deshalb drei Bundessprecher, deshalb die Mitgliedsparteitage, auf denen es keine Delegierten gibt, sondern jeder kommen kann, der möchte, um Anträge zu stellen.

Dieses Modell jedoch war in den vergangenen Monaten an seine Grenzen gekommen. Immer deutlicher trat der Richtungsstreit in der Partei zutage: Ost gegen West, Professoren gegen Populisten, Rechtsnationale gegen Wirtschaftsflügel. Frauke Petry und Alexander Gauland gegen Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel. Die AfD drohte zu zerbrechen, dabei wollte man doch eigentlich endlich am Parteiprogramm arbeiten und bei der Hamburg-Wahl im Februar mehr als fünf Prozent der Stimmen bekommen.

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