Aktienmärkte nicht vor Trendwende
Märkte im Schatten des Bären

Nach dem fulminanten Befreiungsschlag zu Wochenbeginn kannten die wichtigsten Börsen auch am Dienstag zunächst nur eine Richtung: steil nach oben. Die Tokioter Börse, die am Montag wegen eines Feiertags geschlossen hatte, belohnte die weltweit geplanten Rettungspakete für den Finanzsektor mit dem höchsten Gewinnsprung aller Zeiten – der Nikkei-Index stieg um gut 14 Prozent.

DÜSSELDORF/FRANKFURT. Die Anleger wetten jetzt auf einen „Wendepunkt in der Krise an den Finanzmärkten“, sagen die Experten der Landesbank Hessen-Thüringen.

Auch in Europa setzte sich die Erholung fort, ihre Höchststände konnten die wichtigsten Aktienindizes aber nicht halten. Der Deutsche Aktienindex (Dax) rettete sich nach einem Tageshoch von fast 6,5 Prozent mit einem Plus von nur noch knapp 2,7 Prozent ins Ziel. Zuvor hatte die Wall Street zwar kräftig eröffnet, drehte dann aber ins Minus.

Von der erhofften Wende in der Finanzkrise kann noch keine Rede sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel machte gestern denn auch nicht in Optimismus. „Die Lage ist unverändert ernst“, sagte sie in Berlin.

Ohnehin sind die Aktienkurse nicht die entscheidenden Indikatoren der Finanzmarktkrise. „Der Kern der Krise ist der Interbankenmarkt“, sagt Jan Pieter Krahnen, Finanzexperte an der Universität Frankfurt. Hier ist Entspannung nicht in Sicht. Der Libor-Satz, zu dem Banken sich untereinander für einen Monat Euro leihen, ging zwar um 18 Basispunkte auf 4,92 Prozent zurück. Auch der Libor-Satz für dreimonatige Geschäfte sank um sieben Punkte auf 5,23 Prozent. Doch die Risikoprämien, die die Banken zahlen, sind immer noch atemberaubend hoch. Normalerweise liegen die Libor-Sätze nur leicht über dem Leitzins. Der beträgt derzeit 3,75 Prozent.

Das heißt: Trotz der weltweiten Milliarden-Schutzschirme misstrauen die Banken einander nach wie vor. Die staatlichen Notmaßnahmen seien zwar am Geldmarkt positiv registriert worden, die Umsätze aber weiterhin gering, sagt Kornelius Purps, Kreditspezialist bei der italienischen Großbank Unicredit. Die Gründe für die verhaltene Reaktion liegen seiner Ansicht nach auf der Hand: Wenn etwa eine ausleihende deutsche Bank die staatliche Garantie für den Geldmarkt in Anspruch nehmen will, kostet sie das zusätzlich Geld. Die Rede ist von mindestens zwei Prozent. „Das ist nicht billig“, sagt Purps.

Wie die Garantie der Bundesregierung für den Interbankenmarkt im Detail aussehen wird, stand gestern auch noch gar nicht fest. Daran werde noch fieberhaft gearbeitet, verlautete aus Notenbankkreisen. Es liegt allerdings nahe, dass die Bundesbank die Verwaltung des Programms übernimmt.

Finanzexperte Krahnen empfiehlt eine Kreditausfallversicherung, die die kreditgebende Bank mit einem sogenannten Credit Default Swap bei der Bundesbank abschließen würde. Dann könnte die Zentralbank den Preis, den sie für die Garantie nimmt, als Instrument nutzen, den Markt wieder in Gang zu setzen. Damit die Kreditbereitschaft der Banken wieder steigt, könnte der Satz zunächst sogar null oder negativ sein, erläutert Krahnen. Es wäre auch möglich, dass die Zentralbank den Satz nach und nach erhöht und sich dadurch wieder aus dem Geschäft zurückzieht. „Die Notfallrettung, die die EZB für den Geldmarkt geleistet hat, war kurzfristig sinnvoll“, sagt Krahnen. „Mittelfristig hat sie zwangsläufig zum Austrocknen des Interbankenmarktes geführt.“

Auch die Interventionen der Notenbanken an den Geldmärkten belegen, dass es hier immer noch hakt. Die Europäische Zentralbank (EZB) flutete gestern erneut den Geldmarkt mit Milliardensummen. In ihrem wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäft mit sieben Tagen Laufzeit teilte sie zu 3,75 Prozent 310,4 Mrd. Euro zu. Sie befriedigte damit vollständig alle Gebote, die 604 Banken abgegeben hatten. Um ein Gleichgewicht am Geldmarkt herzustellen, hätte die EZB eigentlich 47 Mrd. Euro abziehen müssen. Die japanische Notenbank pumpte gestern ebenfalls erneut Liquidität in den Markt – am 19. Handelstag in Folge. In zwei Schritten teilte sie den Banken 1,2 Bill. Yen (8,8 Mrd. Euro) zu.

Joachim Voth, Ökonom an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona, neigt derzeit zur Skepsis. Er sieht in der euphorischen Börsenreaktion am Montag kein Indiz für eine Wende. „Die ganz große Katastrophe, der Zusammenbruch des Bankensystems, ist erst einmal abgewendet“, sagt der Experte für Finanzkrisen. Das sorge an den unglaublich volatilen Börsen erst einmal für ein Kursfeuerwerk. „Doch eine Rezession der ganz schlimmen Sorte ist trotz der Rettungspakete kaum mehr abzuwenden.“ Und auch hier liegt die Ursache in den Kreditmärkten.

Voths Argumentation: Selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, dass die Banken wieder Vertrauen zueinander fassen, kommt man trotz aller Milliardenstützen des Staats an einem Dilemma nicht vorbei. Die Banken sind gezwungen, ihr Leveraging abzubauen, das heißt, das Fremdkapital, mit dem die Banken ihren Hebel an den Finanzmärkten stark verlängert hatten, muss reduziert werden. „Das wird in jedem Fall den Spielraum der Kreditvergabe einschränken, egal, ob sich nun der Staat mit Kapitalspritzen in eine Bank einkauft oder nicht“, sagt Voth. Denn der Staat wolle die Banken ja stabilisieren, er könne also kein Interesse daran haben, sie zu einer allzu großzügigen Vergabe von Krediten zu drängen.

Auch ein weiterer wichtiger Krisenindikator signalisiert keine Entwarnung. Der sogenannte i-Traxx-Europe sank trotz aller Krisenpakete nur unwesentlich (siehe Grafik). Dieser Index zeigt an, wie viel Geld Investoren zahlen müssen, um sich gegen den Zahlungsausfall von 125 europäischen Firmen guter Bonität – darunter viele Banken – abzusichern. Nach wie vor müssen Investoren extrem hohe Prämien zahlen.

Alles in allem: Offenbar holt die Wirklichkeit die Börsen schon wieder ein. Nach der Euphorie zum Wochenauftakt beginnt unter den Anlegern jetzt wieder das Zittern. Der Rally im Bärenmarkt droht das vorzeitige Aus.

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