Altbundespräsident
Wulff umwirbt Glaeseker vor Gericht

Christian Wulff trat im Prozess gegen Olaf Glaeseker auf. Sie hätten sich „grenzenlos vertraut“, sagte er – und buhlte beinahe um die Gunst des ehemaligen Sprechers, indem er betonte, ihre persönliche Krise sei „bitter“.
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HannoverWie sich die Bilder gleichen: Keine drei Wochen ist es her, dass sich Ex-Bundespräsident Christian Wulff und sein einstiger Vertrauter Olaf Glaeseker im Saal 127 des Landgerichts Hannover gesehen haben. Damals durfte sich Wulff über Glaesekers Erinnerungslücken freuen.

An diesem Montag haben sie die Rollen getauscht. Nun sitzt Glaeseker auf der Anklagebank und Wulff auf dem Zeugenstuhl. Und bereits um kurz nach 10 Uhr ist klar: Jetzt darf sich Glaeseker freuen. Nicht nur, weil bei Wulff so manche Erinnerung zurückkehrt, sondern auch, weil er mit seiner Aussage stundenlang um die Gunst seines früheren Sprechers buhlt.

Das Vertrauensverhältnis war einst so eng, dass Wulff Glaeseker gar als „siamesischen Zwilling“ bezeichnet hatte. Im Zuge der Affäre und der Ermittlungen hatte das Verhältnis jedoch schwer gelitten, war der Kontakt sogar abgebrochen. Er gehe davon aus, dass der Kontakt „danach wieder so wird wie vorher“, sagt Wulff nun zu Beginn der Vernehmung.

Glaesekers Entlassung Ende 2011 sei „einer der traurigsten Momente in meinem Leben gewesen“, betont der frühere Bundespräsident während der knapp vierstündigen Befragung. Doch er habe dies zum Wohle Glaesekers getan, „um ihn zu schützen“.

Denn der 52-Jährige sei wegen seines „überbordenden Engagements“ für den Nord-Süd-Dialog in die Kritik geraten. Nur deshalb sei er, also Wulff, den Ratschlägen seiner Anwälte gefolgt, den Kontakt abzubrechen, „was sehr bitter ist“. Ob er dennoch Kontakt zu Glaeseker habe, wird Wulff gefragt. Antwort: „Leider nein – es hätte unserer Beziehung gut getan.“

Geholfen hat Wulff seinem einstigen Vertrauten mit der Entlassung aber wohl ebenso wenig wie mit seiner im Juni 2012 folgenden Aussage bei der Staatsanwaltschaft. Denn sonst stünde Glaeseker nicht vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft legt ihm zur Last, er habe sich für seine engagierte Sponsorensuche für die Lobby-Veranstaltungen in den Jahren 2007 bis 2009 vom mitangeklagten Partymanager Manfred Schmidt mit Urlaubsreisen bestechen lassen. Die Anklage beziffert den Streitwert auf 12.000 Euro – die Angeklagten weisen alle Vorwürfe von sich und erklären die Reisen mit ihrer langjährigen Freundschaft.

Insbesondere Wulffs Aussage dürfte bei der Zulassung der Anklage eine gewichtige Rolle gespielt haben. Wulff sagte damals, er habe von Glaesekers Sponsorensuche nichts mitbekommen, auch von den Reisen habe er nichts gewusst. Das relativierte er nun – ebenso wie frühere Aussagen, Glaeseker sei im Urlaub unerreichbar gewesen.

Ihm sei „inzwischen“ eingefallen, dass „Olaf“ durchaus von Treffen mit Schmidt berichtet habe, sagt Wulff am Montag. Dies hatten zuvor schon dessen Ex-Frau Christiane Wulff und Mitarbeiter der Staatskanzlei übereinstimmend vor Gericht ausgesagt. „Das wird so gewesen sein, wenn er sich so daran erinnert – ich habe keine Erinnerung daran“, grenzt Wulff seine Aussage aber sogleich wieder ein. „Ich bin fest davon überzeugt, dass meine Frau die Wahrheit gesagt hat“, erklärt er seine „Klarstellungen“, und fügt hinzu: „Damals habe ich diese Erinnerung gehabt.“

Glaeseker rechtfertigt sein Handeln mit seiner Loyalität zu Wulff, der als niedersächsischer Regierungschef auch Schirmherr der Feiern war. Seinen eigenen Vorteil habe er nie im Blick gehabt, einzig zum Wohle des Landes rund um die Uhr gearbeitet. Während Wulff spricht, beobachtet ihn Glaeseker aufmerksam und konzentriert. Im Gegensatz zu Schmidt, der sich sogar zu einem Lächeln für Wulff hinreißen lässt, verzichtet Glaeseker auf jede Mimik oder Gestik. Wer ihn jedoch kennt, weiß, dass auch er von Wulffs Auftritt überrascht ist. Erst kürzlich hatte er erklärt, Wulffs Verhalten habe ihn „verstört“.

Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Altbundespräsident: Wulff umwirbt Glaeseker vor Gericht"

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  • Dass er letztlich mit seinen Aussagen in seiner Lindauer Rede auf der korrekten Linie lag, zeichnet ihn mit dem jüngsten Urteil des Bundesverfassungsgerichtes aus.

    Diese seine Einschätzung braucht er auch nicht mit anderen, auch nicht mit seinen Beratern, zu teilen. Sie kann nur von ihm und nicht von seinem Beraterstab gekommen sein. Sein Nachfolger hat nämlich, beraten vom gleichen Beraterstab, eben diese Euro-Rettungs-Pakete ohne Achselzucken unterschrieben.

    Da liegt halt eben der Unterschied zwischen einem Pastor und einem an anderem wirtschaftspolitischen Ort aufgewachsenen Bundespräsidenten.

    Glaube und "alles wird gut" funktioniert nicht überall.

    Den größten menschlichen Fehler macht er aber jetzt, wenn er Freundschaften leugnet, die ihm niemand mehr abnimmt.

    Es scheint vielmehr alles mit allem "vermengt" zu sein. Weshalb das eine und nicht das andere oder umgekehrt, wird er wahrscheinlich selbst nicht mehr aufklären können.

    Es ist wie es ist und es ist schwer für die Richter ein Urteil zu fällen, zumal Abgeordnetenkorruption, seit 2003 von der UNO als Straftatbestand bei der Bundesregierung eingefordert, nicht einmal strafbar ist. Über alle Parteigrenzen hinweg besteht offenkundiges Interesse an dieser Aufnahme des Straftatbestands kein Interesse zu haben.

    Schütten wir also das Horn, gefüllt bis oben hin mit Pech, nicht allein über Herrn Wulff aus sondern sorgen wir auch dafür dass für die Hintermänner in Justiz und Politik noch genug übrig bleibt.

    Das leugnen einer Freundschaft ist wohl ein Straftatbestand, der juristisch nicht verfolgt werden kann. Aber persönlich hat er sich damit markant verbrannt. Jeder in seinem Umfeld wird ihn künftig mit dieser Kenntnis neu einschätzen. Er wird fortan einen einsamen Weg gehen, gehen müssen.

    Einer Strafe einer abgeschnittenen Zunge im Mittelalter.

    Ich hoffe, dass sein Nachfolger als Bundespräsident, Pastor Gauck, die richtigen Worte des Trostes findet.

    So ist es, wenn drittklassiger Personal Karriere macht.

  • "Altbundespräsident Wulff trat im Prozess gegen Olaf Glaeseker auf. Sie hätten sich „grenzenlos vertraut“, über Privates aber wenig gesprochen, sagte Wulff"

    Herr Wullf, das dürfte wohl die falsche Trickkiste gewesen sein. Das glaubt Ihnen kein Mensch.

    Der Fall hat m.E. verschieden Aspekte, die sich gegeneinander abgrenzen und doch wieder ineinander verhakt sind.

    Da gibt es einmal den Menschen Wulff, mit allen menschlichen Fehlern. Den Parteisoldaten, der zufällig bis in das höchste Amt im Staat hochgespült wird.

    Den Menschen, der das Gefühl der Zweit- und Drittklassigkeit erfährt und urplötzlich und unerwartet auf den Ministerpräsidentenstuhl und sogar auf den Stuhl des Bundespräsidenten hochkatpultiert wird. Er spürt und geniest die Macht.

    Auch privat folgt er seinem Ziehvater Schröder. Mit dem Karrieresprung tauscht er auch den Lebenspartner aus, um sich neu seinem Amt frisch zu stellen.

    Der Mensch Wulff irrte. Mit der "Beförderung" zum Bundespräsidenten glaubt er Altschulden aus seiner Ministerpräsidententätigkeit hinter sich lassen zu können, dass war der erste Fehler.

    Der Irrglaube, dass die BILD auf ihn und nicht auf die Pastorentochter aus der ehemaligen DDR hören würde, da hat er sich ein zweites Mal getäuscht.

    Wulff hat den entscheidenden Fehler in seiner Lindauer Rede gemacht. Er wollte der Präsident des ganzen Volkes sein, hatte aber nicht bemerkt, dass er von einer geladenen, fein selektierten "Elite" gewählte wurde, dass er seine "Krone" aus deren Händen und nicht aus den Händen des Volkes erhalten hatte. Dass die Kanzlerin dabei die größten Hände hatte, war ihm nicht aufgefallen. Das könnte dem jetzigen Bundespräsidenten ebenfalls zum Problem werden, es sei denn, dass er dies schon erkannt hat.

    - Hat er wohl schon. Wie sonst konnte er auf der Sicherheitskonferenz in München den Kriegseinsatz der Deutschen fordern? Ohne Absprache, ohne Vorgabe von der Pastorentochter gegenüber dem Pastor wäre dies wohl sein politischer Tod schon gewesen. -

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