Arbeitslosenzahl legt kaum zu
Deutschland hält Jobkrise auf Abstand – noch

Die Auswirkungen des wirtschaftlichen Abschwungs in Deutschland wirken sich bisher moderat auf den Arbeitsmarkt aus. Laut Bundesagentur für Arbeit stieg die Zahl der Arbeitslosen im August nur geringfügig. Vor allem die Kurzarbeit verhindert den Angaben zufolge eine Verschärfung der Situation. Damit könnte es nach Ansicht vieler Ökonomen aber schon bald vorbei sein.

HB NÜRNBERG. Wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Dienstag in Nürnberg mitteilte, gab es 3,472 Mio. Erwerbslose. Dies seien 9000 mehr gewesen als im Juli und 276 000 mehr als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote stieg im Monatsvergleich um 0,1 Punkte auf 8,3 Prozent. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise hätten sich auch im August auf dem Arbeitsmarkt gezeigt, erklärte BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise. Insgesamt seien die Auswirkungen des Abschwungs bisher aber moderat. „Vor allem Kurzarbeit stabilisiert den Arbeitsmarkt“, sagte Weise.

Bundesarbeitsminister Olaf Scholz prognostiziert kein weiteres Anwachsen der Zahl auf vier Mio. bis zum Winter. „Ich bin sicher, dass wir durch einen weiteren Ausbau der Kurzarbeit wesentlich bessere Zahlen haben werden, als bisher zu lesen war“, sagte der SPD-Politiker am Dienstag in Hamburg kurz nach Veröffentlichung der aktuellen Bilanz vom Arbeitsmarkt. Scholz zeigte sich „völlig sicher“, dass deutsche Arbeitgeber nicht mit der Kündigung vieler Angestellter zurückhielten, um die Politik bis zur Bundestagswahl zu schonen. „Ich kenne keinen Arbeitsgeber, der plant, nach der Wahl zu kündigen“, sagte der Minister. Es gehe jetzt darum, dass die ganze Krise überstanden werde. Deshalb sei die Förderung für Kurzarbeit auch auf 24 Monate angelegt.

Dennoch sei dem Minister bewusst, dass viele Arbeitnehmer derzeit hart um ihren Arbeitsplatz kämpfen müssten. „Eine Lockerung der Kündigungsschutzes wäre daher jetzt ein absolut falsches Signal“, sagte Scholz. Dass die Arbeitslosenzahlen erneut nur gering gestiegen sind, sei der erfolgreichen Sozialpolitik seiner Partei zu verdanken.

Üblich war in den vergangenen Jahren ein leichter Rückgang der Arbeitslosigkeit im August. Vor allem die weit verbreitete Kurzarbeit der Beschäftigten hat bisher eine drastische Zunahme der Arbeitslosenzahl verhindert. Die Zahl der Kurzarbeiter in Deutschland erreichte im Frühsommer ihren Höhepunkt. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) verzeichnete Ende Juni gut 1,43 Mio. Beschäftigte in konjunkturbedingter Kurzarbeit. Dies seien gut 300 000 mehr gewesen als bei den zuletzt veröffentlichen Zahlen im März, sagte eine mit den amtlichen Zahlen der BA vertraute Person am Dienstag. Im Vergleich zum Mai sei die Zahl mit einem Rückgang um gut 30 000 Kurzarbeiter aber rückläufig gewesen.

Mit Kurzarbeit können die Betriebe in wirtschaftlich schwierigen Zeitungen Entlassungen für eine begrenzte Zeit vermeiden. Die Bundesregierung hat die Unternehmen ausdrücklich ermuntert, davon Gebrauch zu machen, und dafür der Bundesagentur auch Finanzhilfen bereitgestellt. Nach bisherigen Erfahrungen fällt bei Kurzarbeitern etwa ein Drittel der Arbeitszeit aus. Gut 1,43 Mio. Kurzarbeiter entsprächen damit etwa 500 000 Vollzeitarbeitskräften, die andernfalls die Arbeitslosenzahl nach oben treiben würden.

Entgegen den Erwartungen von Experten blieb die saisonbereinigte Arbeitslosenzahl im August fast unverändert. Die BA errechnete einen saisonbereinigten Rückgang von Juli auf August um 1000 Erwerbslose. Von Reuters befragte Banken-Volkswirte hatten im Schnitt eine Zunahme um 30 000 erwartet. Die BA wies aber darauf hin, dass die saisonbereinigte Zahl ohne statistische Sondereffekte nach ihren Schätzungen um 25 000 Erwerbslose zugelegt hätte. Hinzu komme, dass die Schulferien in einigen Bundesländern früher zu Ende gegangen seien als im Vorjahr und somit die übliche Herbstbelebung früher eingesetzt habe.

Volkswirte zeigten sich von den Zahlen überwiegend positiv überrascht. Zu dem befürchteten Einbruch am Arbeitsmarkt sei es noch nicht gekommen, sagte Ralph Solveen von der Commerzbank. Aber dazu werde es sicherlich im Herbst kommen. "Die Zahl der Arbeitslosen wird bis Ende des Jahres auf saisonbereinigt 3,8 Mio. ansteigen", glaubt der Ökonom. "Den Höhepunkt werden wir erst Mitte nächsten Jahres mit saisonbereinigt 4,4 Mio. Erwerbslosen erreicht haben.“

Zurückhaltend äußerte sich Peter Meister von der BHF Bank. Die Daten seien nach wie vor schwierig einzuschätzen, weil es viele Sondereffekte wie die früher zu Ende gegangenen Sommerferien in einigen Bundesländern sowie die Kurzarbeiterregelung. "Dieser Effekt dürfte aber bald auslaufen - wir gehen davon aus, dass viele Unternehmen sich das nicht mehr lange leisten können und die Kapazitäten angepasst werden müssen", sagte Meister. "Dennoch werden wir wohl in diesem Jahr nicht mehr an die vier Mio. Arbeitslosen rankommen."

Von verhältnismäßig günstigen Zahlen sprach Stefan Mütze von der Hessischen landesbank (Helaba). "Es wird darauf ankommen, wie schnell sich die Konjunktur jetzt bessert", sagte er. Deutschland habe in der Krise eine zu hohe Beschäftigung. "Eine Verschärfung der Lage am Arbeitsmarkt wird vorerst durch die Kurzarbeiterregelung abgepuffert", erklärte der Ökonom und fügte hinzu: "Wir gehen aber davon aus, dass die Arbeitslosenzahl bis Ende des Jahres auf 3,8 Mio. ansteigen wird."

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