Arbeitsmarkt
Über 700 000 neue Anträge auf Kurzarbeit

Die Zahl der Kurzarbeiter in Deutschland steigt in den kommenden Monaten womöglich noch drastischer als bisher vermutet. Allein im Februar haben Unternehmen für gut 700 000 Arbeitnehmer Kurzarbeit beantragt. Das zeigen die neuen Monatsdaten der Bundesagentur für Arbeit (BA), die dem Handelsblatt vorab vorliegen. Damit haben die Anmeldungen zur Kurzarbeit im Februar noch stärker zugenommen, als die BA kürzlich hochgerechnet hatte. In der vergangenen Woche war sie noch von etwa 620 000 bis 670 000 ausgegangen.

NÜRNBERG/BERLIN. Mit exakt 700 038 ist die Februar-Zahl jetzt sogar weit mehr als doppelt so hoch wie im Januar und im Dezember. In beiden Vormonaten hatten die Unternehmen jeweils für knapp 300 000 Arbeitnehmer Kurzarbeit angezeigt. Seit dem Beginn der wirtschaftlichen Talfahrt im Oktober summiert sich die Zahl der Betroffenen damit mittlerweile auf knapp 1,5 Millionen. Zum Vergleich: Von Oktober 2007 bis Februar 2008 wurde für lediglich 62 800 Arbeitnehmer Kurzarbeit angezeigt.

Wie viel von der angezeigten Kurzarbeit die Unternehmen tatsächlich realisieren werden, ist vorläufig allerdings noch offen. Belastbare Daten dazu liegen der BA jeweils erst einige Wochen nach Quartalsende vor. Für Dezember hatte die Agentur vergangene Woche insgesamt 200 000 Kurzarbeiter ausgewiesen. Diese Fälle gehen indes großenteils noch auf die Anmeldungen der vorangegangenen Monate zurück. Die Zahl der Anmeldungen ist daher ein Gradmesser für die Entwicklung in der Folgezeit. Differenzen können sich aber auch etwa dadurch ergeben, dass Unternehmen geplante Kurzarbeit wieder absetzen. Dies hatte etwa der Autohersteller Opel für sein Werk in Eisenach getan, nachdem die Abwrackprämie die Nachfrage nach dem dort produzierten Kleinwagen Corsa unerwartet stark ausgelöst hatte.

Mit Kurzarbeit können Betriebe vorübergehende Auftragseinbrüche abfedern. Wenn sich etwa die tatsächlich geleistete Arbeitszeit eines Arbeitnehmers halbiert, muss der Arbeitgeber auch nur halben Lohn zahlen. Für die Ausfallzeit springt dann die BA mit dem Kurzarbeitergeld ein, das je nach Familienstand 60 oder 67 Prozent des regulären Stundenlohnes beträgt.

Die Zahl der Betriebe, die konjunkturbedingt Kurzarbeit neu angemeldet haben, belief sich nach den neuen BA-Daten Februar auf 16 870. Dies waren knapp 6 300 oder rund 60 Prozent mehr als im Januar. Die Zahl der Betriebe erhöhte sich damit weniger stark an als die der Arbeitnehmer. Dies deutet darauf hin, dass im abgelaufenen Monat überdurchschnittlich viele Großunternehmen vorsorglich Kurzarbeit beantragt haben.

Im Jahresdurchschnitt rechnet die BA bisher mit 250 000 Kurzarbeitern und veranschlagt dafür ein Ausgabenvolumen von 2,5 Mrd. Euro. Die jahresdurchschnittliche Zahl ist vor allem deshalb deutlich geringer ist als die Summe der monatlichen Anmeldungen, weil Kurzarbeit - trotz einer Höchstbezugsdauer von 18 Monaten - in der Regel für deutlich kürzere Zeiträume als ein Jahr genutzt wird. Typisch sind sechs bis acht Monate. Inwieweit die bisherige BA-Prognose übertroffen wird, dürfte stark vom Konjunkturverlauf in den nächsten Monaten abhängen. Einen Rekord von jahresdurchschnittlich fast 950 000 Kurzarbeitern verzeichnete die BA 1993 im Gefolge der Deutsche Einheit.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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