Arm und Reich
Die Ursachen der wachsenden Ungleichheit

Die Selbstabschließung der finanziellen Eliten führt dazu, dass die Einkommensunterschiede größer werden. Das zumindest behaupten Soziologen. Ökonomen sehen dagegen vor allem eine zunehmende Bedeutung von relevanten Qualifikationen als Ursache.
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DÜSSELDORF. Die Zunahme der Einkommens- und Vermögensungleichheit beruht nicht allein auf wachsenden Unterschieden im beruflichen Qualifikationsniveau. Zu diesem Ergebnis kommen neue soziologische Studien.

Die sich weiter öffnende „soziale Schere“ ist in Deutschland seit den 1990er-Jahren zu einem gesamtgesellschaftlichen Diskursthema geworden. An diesem schärfen nicht nur die politischen Parteien ihr Profil. Auch unter Wissenschaftlern ist die Deutung der tieferen Ursachen dieser Tendenz umstritten. Dabei verlaufen die Gräben vor allem zwischen den Disziplinen.

In den Sozialwissenschaften herrschen zwei Theorien für die Ursachen des Öffnens der „sozialen Schere“ vor. Unter Ökonomen dominiert die These des „skill-biased technological change“, die vor allem eine zunehmende Bedeutung von relevanten Qualifikationen für die steigende Einkommensungleichheit verantwortlich macht.

Die meisten Soziologen erklären die Öffnung der Schere lieber mit der „Schließungstheorie“: Demnach gelingt es den finanziellen Eliten durch institutionelle Veränderungen, Klassenkonflikte und Diskriminierungsmechanismen sich selbst deutlich steigende Einkommen zu sichern und andere von den volkswirtschaftlichen Wohlstandsgewinnen auszuschließen.

Der Berliner Soziologe Martin Groß hat beide Theorien mit Hilfe von Daten der „Gehalts- und Lohnstrukturerhebung“ des Statistischen Bundesamts analysiert. Wie er in einem Beitrag im „Berliner Journal für Soziologie“ zeigt, treffen beide Theorien zu. Allerdings würden soziale Schließungsmechanismen insbesondere in den alten Bundesländern stärker deutlich, während eine wachsende Bedeutung qualifikationsbezogener Faktoren vor allem in den neuen Bundesländern zu beobachten sei.

Tendenziell bestätigt wird Groß durch weitere Analysen zur Einkommens- und Vermögenungleichheit in Deutschland in derselben Zeitschrift. Joachim Frick und Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zeigen anhand eines Vergleichs von Vermögensdaten des „Sozio-ökonomischen Panels“ von 2002 und 2007, dass Erbschaften für die Vermögensbildung wichtiger werden – neben dem individuellen Einkommen. Frick und Grabka befürchten, dass die zunehmende Vermögenskonzentration zur „Untergrabung gesellschaftlicher Grundprinzipien“, etwa der Leistungsgerechtigkeit, führt.

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