Atomausstieg
Experte: Meilerstopp führt zu Kostenexplosion

Ein schneller Atomausstieg könnte teuer werden, warnt Thomas Bareiß, energiepolitische Sprecher der Unionsfraktion: "Wenn wir zurückgehen auf den rot-grünen Ausstiegsbeschluss, fehlen uns 15 Milliarden Euro."
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BerlinHerr Bareiß, Sie mahnen in diesen Tagen zu mehr Realität. Warum ist ein schneller Atomausstieg kein Spaziergang?

Bareiß: "Zum einen muss man sich die Einnahmeseite anschauen. Wenn wir zurückgehen auf den rot-grünen Ausstiegsbeschluss, fehlen uns mindestens 15 Milliarden Euro durch weniger Einnahmen bei der Kernbrennstoffsteuer und beim neu geschaffenen Fonds zum Ausbau der erneuerbaren Energien."

Wo soll das Geld herkommen? Etwa aus dem Haushalt?

Bareiß: "Angesichts von Schuldenbremse und Euro-Krise bin ich da nicht sehr hoffnungsfroh. Auf die Verbraucher kommen Mehrbelastungen zu, die Strompreise werden also steigen. Und wir müssen auch an die Industrie denken. Energiepreise sind heute schon ein wesentlicher Faktor für Unternehmen bei der Standortwahl. Das Ganze darf keine Arbeitsplätze gefährden. Das, was wir jetzt vorhaben, stellt eine gewaltige Herausforderung dar. Wir können nicht in drei, vier Jahren den Schalter von Atom- auf Grünstrom umlegen."

Greenpeace sagt doch, wir könnten bis 2015 auf alle Kernkraftwerke verzichten. Warum geht der Ausstieg nicht so schnell?

Bareiß: "Das halte ich nicht nur für unsinnig, sondern sogar gefährlich. Unabhängige Stromnetzbetreiber sagen, wenn ganz Europa jetzt so handeln würde wie wir, würde uns das ganze System um die Ohren fliegen. Wir gehen in Deutschland schon sehr egoistisch vor, wir wollen bei uns schnell abschalten und bauen aber auf die Grundlast-Stromerzeugung aus Ländern wie Frankreich, Tschechien und Polen, wenn bei uns zu wenig Wind weht oder die Sonne nicht scheint. Bisher wird in Deutschland fast 50 Prozent der Grundlast von der Kernenergie abgedeckt, das ist nicht einfach zu ersetzen."

Viel wird jetzt über einen Parteienkonsens geredet, um das Streitthema Atomkraft ein für allemal zu lösen. Sind Sie optimistisch, dass eine Einigung mit der Opposition gelingt?

Bareiß: "Klar ist: Der Ausstiegsprozess wird jetzt beschleunigt. Bevor wir aber über einen Parteienkonsens reden, muss sich zuerst einmal die Koalition einig sein, was sie will."

Wo sehen Sie bei der Energiewende die größten Potenziale?

Bareiß: "Vor allem beim Offshore-Wind, weil dieser verhältnismäßig konstant und öfter vorhanden ist. Wir geben viel zu viel für ineffiziente Bereiche wie die Solarenergie aus. Auch die Biomasse muss wachsen. Die Erneuerbaren stecken noch in den Kinderschuhen und sind noch nicht Teil des Marktes und des Wettbewerbs. Es wird auch darauf ankommen, dass sie schneller erwachsen, also marktfähig werden, statt über 20 Jahre von fixen Einspeisevergütungen abzuhängen. Und wir müssen beim Energiesparen vorankommen."

Wie soll der Verbraucher hier mitgenommen werden?

Bareiß: "Wir brauchen mehr Transparenz in den Kostenstrukturen. Der Verbraucher muss sehen, wo das Geld hingeht. Wir müssen aber auch insgesamt immer sagen, das Ganze kostet sehr viel. Wir brauchen daher in der Debatte mehr Pragmatismus und mehr Realitätssinn."

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Atomausstieg: Experte: Meilerstopp führt zu Kostenexplosion"

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  • WMüde,

    bezüglich des Gutachtens des Sachverständigenrats, der die Möglichkeit einer "vollständige[n] Stromversorgung durch erneuerbare Energien bis 2050" nachweist, sprechen Sie - unredlich und wahrheitswidrig - von einem "ganz wichtigen Mangel".

    Pierre weist Ihnen nach, dass dieser behauptete Mangel gar nicht existiert.

    Statt sich für Ihre Unterstellung zu entschuldigen, verfallen Sie in beredtes Schweigen.

    Damit ist zumindest Ihre These eines "immer kleiner werdenden Kreis[es] ehrlicher Menschen" recht eindrucksvoll belegt.

  • WMuede,

    statt über eine "faschistoide Ökodiktatur" zu fabulieren, sollten Sie sich lieber mit den Fakten vertraut machen.

    Der Sachverständigenrat berechnet zwei Szenarien.
    Eines mit moderatem Rückgang des Stromverbrauchs (wie es in der überwiegenden Mehrzahl der veröffentlchten Untersuchungen für wahrscheinlich gehalten wird), und eines mit moderatem Anstieg des Stromverbrauchs.

    In beiden Szenarien ist eine vollständige Stromversorgung durch erneuerbare Energien bis 2050 problemlos möglich.

  • Das Gutachten des SRU leidet wie andere im Zusammenhang damit stehende Papiere des BMU an einem ganz wichtigen Mangel. Ausgehend vom gewünschten Ergebnis sind die Annahmen für die Stromverbrauchsentwicklung zielgerichtet zurück gerechnet worden.
    Entgegen den Annahmen des SRU wird der Stromverbrauch moderat aber spürbar steigen, dafür sorgen schon Substitutionseffekte.
    Die prognostizierten Effizienzsteigerungen sind in ihrer Höhe völlig aberwitzig. In Deutschland hat sich statistisch die Effizienz nur einmal gesteigert, als nämlich 1990 die ehemalige DDR auf das Niveau der Bundesrepubklik gehievt wurde. Seitdem sind bei der Effizienz keine nennenswerte Fortschritte zu verzeichnen gewesen.
    Das Gutachten des SRU ließe sich noch weiter kommentieren. Nur noch ein Hinweis: Die Einführung von E10 und das Glühlampenverbot der EU zeigen, dass die Bürger sich nicht zwingen lassen. Der Weg, den das SRU beschreibt, läßt sich aber ohne Zwang und Kontrolle der Bürger nicht beschreiten.
    Wir werden Stück für Stück in eine Blockwartdiktatur hineingedrückt, gegen die wir uns rechtzeitig zur Wehr setzen müssen. Eine faschistoide Ökodiktatur auf deutschem Boden sollten wir mit allen Mitteln verhindern!

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