Atomausstiegs-Debatte
Blackout-Warnung sorgt für Verunsicherung

Das Bundesumweltministerium nimmt den Alarm der Netzbetreiber ernst. Vor dem Abschluss von Analysen will sich die Bundesnetzagentur nicht äußern. Die vier großen Netzbetreiber hatten vor einem Winter-Blackout gewarnt.
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BerlinDie Warnung der Stromnetzbetreiber vor einem Winter-Blackout hat der Debatte über den Atomausstieg neuen Zündstoff geliefert. Das Bundesumweltministerium erklärte am Montag in Berlin, man nehme die Bedenken der Netzbetreiber bei einer Abschaltung der Alt-Meiler sehr ernst.

„Die Versorgungssicherheit ist oberstes Gebot für die Bundesregierung“, sagte eine Sprecherin. Für eine Übergangszeit könnten aber Reserven wie hocheffiziente Kohlekraftwerke genutzt werden. Wirtschaftsminister Philipp Rösler wies dagegen darauf hin, dass derzeit das Netz nur stabil sei, weil im Sommer viel Ökostrom produziert werde. Das werde im Winter ungleich schwerer, sagte der FDP-Chef.

Der CDU-Energieexperte Thomas Bareiß warnte: „Das müssen wir sehr ernst nehmen. Man sieht, dass hier mit der heißen Nadel gestrickt wird.“ Die Bundesregierung will bis Anfang Juni über den forcierten Ausstieg aus der Atomenergie entscheiden.

Die Bundesnetzagentur wollte sich zur Lage im Winter nicht äußern. Dazu würden noch vertiefte Analysen erarbeitet, sagte ein Sprecher. Die Behörde überwacht die Netzbetreiber und soll helfen, für Wettbewerb aber auch Versorgungssicherheit zu sorgen.

Die Vize-Fraktionschefin der Grünen, Bärbel Höhn, nannte die Angaben der Firmen nicht überprüfbar. „Gerade RWE als Netzbetreiber hat ein eigenes Interesse daran, die Lage zu dramatisieren. Andere Experten verneinen, dass es im Winter zu Problemen kommt.“

Die vier großen Netzbetreiber hatten in einem Memorandum für das Wirtschaftsministerium Alarm geschlagen und vor einem Blackout im Winter gewarnt. Um eine Stromlücke gerade in Süddeutschland zu vermeiden, zogen sie auch die Abschaltung von Strom bei Großkunden in Betracht, wie aus dem Papier hervorgeht, das Reuters vorliegt. Auch wenn allein die im Zuge des Atom-Moratoriums abgeschalteten Alt-Meiler weiter vom Netz blieben, fehlten an kalten Wintertagen in Süddeutschland etwa 2000 Megawatt, also die Leistung von zwei AKW.

„Eine eigenständige Versorgung der Kunden ist dann ernsthaft gefährdet.“ Derzeit laufen nur vier der 17 deutschen AKW, was die Netzagentur und die Betreiber als kritisch, aber beherrschbar bezeichnet haben. Im Winter ist jedoch der Stromverbrauch wesentlich höher, der Sonnenstrom geringer und auch die Importmöglichkeit begrenzt. Daher rechnen die Betreiber selbst bei dem erwarteten Dauer-Aus allein für die sieben ältesten Reaktoren mit einem Blackout.

Die Warnung wurde auch bei der Sitzung des Beirats der Bundesnetzagentur am Montag diskutiert. In dessen Kreisen hieß es, es gebe Überlegungen im Winter größere Mengen Strom aus Österreich zu kaufen und eingemottete Kraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen. Beiratsmitglied Joachim Pfeiffer warnte jedoch, man könne sich gerade im Winter nicht auf die Lieferungen aus dem Ausland verlassen. Zu bestimmten Zeiten seien auch die Grenzkuppelstellen überlastet.

Auch die Netzbetreiber hatten gewarnt, im Winter sei ein ausreichender Import nicht mehr gesichert. „Wir sind im Begriff, Dinge zu machen, die man unter sachlichen und technischen Aspekten nicht machen sollte“, sagte der CDU-Wirtschaftsexperte.

Auch die deutsche Aluminiumindustrie, einer der größten Stromverbraucher, zeigte sich besorgt. Der Trimet-Konzern bezeichnete es als reale Gefahr, dass es durch die Abschaltung der Atomkraftwerke im Winter zu massiven Engpässen in der Stromversorgung komme. Bei einem Ausfall von mehreren Stunden drohe den Produktionsanlagen ein Totalschaden. Trimet wies darauf hin, dass durch die Steuerung seiner Anlagen das Netz mit stabilisiert werden könne. Dafür müsse es aber auch eine Prämie wie in anderen EU-Ländern geben.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Physikalisch gesehen benötigen wir im Sommer mehr elektrische Energie, da für die Kälteerzeugung (Klimatisierung) mehr elektrische Energie benötigt wird als für die im Winter benötigte Wärme! Da die PV-Anlagen derzeit nur 2% der Energieerzeugung ausmachen, ist deren Leistungswegfall im Winter zu vernachlässigen. Windkraft und Biomassekraftwerke sind Sommer wie Winter einsetzbar.

    Die Atomlobby versucht es halt bis zum Schluss :-)

  • Leider entspricht dies aus physikalischen Gründen sogar der Wahrheit. Man kann halt nicht Stromproduktion und Verbrauch übers Jahr aufsummieren um dann festzustellen, dass es passt.

    Bei all den Debatten um die Abschaltung der Kernkraftwerke sollte man diese Äußerungen sehr ernst nehmen. Hier sprechen nicht wie von Fr. Höhn geäußert die großen Energieversorger, hier sprechen Übertragungsnetzbetreiber, die als Hauptaufgabe die Systemsicherheit haben.

    Man kann sicher die Kernkraftwerke abschalten, dann braucht es aber grundlastfähige Alternativen.

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